Kanada bei der Fußball-WM: Einer hat keine Lust auf Verlängerung

In der 75. Spielminute beschloss Jesse Marsch, dass Alphonso Davies dieser Partie nun guttun würde. Tat er, auch wenn der Profi des FC Bayern am Siegtor der Kanadier in der Nachspielzeit nicht direkt beteiligt war. Das entstand eher zufällig und damit passend zu einem Fußballspiel, das eher den Namen Ballgeschiebe verdient hätte: Flanke aus dem Halbfeld in den Strafraum, wo im Umkreis von fünf Metern nur ein südafrikanischer Verteidiger war. Der köpfelte den Ball direkt nach vorn, als wäre der Spieler mit der Rückennummer 7 sein Teamkamerad.
Es war aber der Kanadier Stephen Eustáquio, berühmt für Kompromisslosigkeit und Rustikales, und der prügelte den Ball kompromisslos und rustikal aus 17 Metern ins Tor. „Ich kann es noch gar nicht richtig begreifen“, sagte der Torschütze später: „Wir haben hart gearbeitet für diesen Sieg für alle Kanadier.“
Der erste Achtelfinalist steht also fest: Mit-Gastgeber Kanada. Und es steht fest, dass es am US-Nationalfeiertag weitergeht: Independence Day, 4. Juli, Houston/Texas, gegen Niederlande oder Marokko. Klingt ganz normal, in Wirklichkeit aber erleben die Kanadier, was passiert, wenn ein Teilnehmer oder Gastgeber aus dem Plan der Fifa fällt: Statt drei Wochen Vancouver (die letzten Gruppenspiele plus zwei mögliche K.-o.-Partien) gondeln die Kanadier nun durch die USA, ohne Chance auf ein weiteres Heimspiel bei ihrer Heim-WM.

Messi, Mbappé, Haaland: Berühmte Namen stehen bei dieser WM im Fokus. Dabei gibt es auch ein paar (noch) nicht so prominente Profis, die in der Vorrunde überzeugt haben. Eine Auswahl.
Was das bedeutet, war bereits beim Fan-Fußmarsch zur Arena zu sehen: Tausende Fans in USA-Trikots, noch mehr in Mexiko-Leibchen – und viele in Schweiz-Rot. Die vom Weltverband perfekt ausgeklügelte Turnier-Dramaturgie hatte Mit-Gastgeber Kanada als Gruppensieger vorgesehen, und den damit verbundenen Verbleib in Kanada und Heimspiele in Vancouver. Als Zweite mussten sie jedoch ins 2000 Kilometer, drei Flugstunden entfernte LA. Als Teilnehmer machbar – jedoch als Fan? Die Farbverteilung bei Anpfiff war: bunt. Nach 90 Sekunden gab es die erste Fan-Welle – inszeniert von der Cheerleader-Truppe der Football-Franchise Los Angeles Rams, bei denen man auch nicht genau wusste, warum genau sie hier jemanden anfeuerten. Sah alles nach Festival mit Fußballspiel aus und nicht wie ein Fußballspiel mit Festival drumherum.
Das lag natürlich an der Partie, deren Teilnehmer darauf bedacht waren, nur nicht den Fehler zu begehen, der die Nationalelf ausscheiden ließe – ein Nichtangriffs-Pakt zur Selbsterhaltung. Den hatte Kanadas Trainer Jesse Marsch vor Spielbeginn ganz genau so angekündigt: „Wenn sie über Kombinieren Rhythmus entwickeln, wird es gefährlich, weil sie die Leute im Stadion mitnehmen. Dagegen müssen wir was tun, mit Physis und Aggression.“ Er beorderte Verteidiger Moise Bombito und Sechser Stephen Eustaquio in die Startelf: „Für Präsenz, Intensität, Stabilität“, wie Marsch sagte.
Was nach Gras-und-Gegner-Fressen im spannenden System-Duell klang, war in Wahrheit die Beschreibung eines unfasslich langweiligen Fußballspiels: Einmal war da die kanadische Festungs-Formation, die über die Breite des Spielfelds nach vorn und hinten wogte. Dazu kam eine südafrikanische Ballsicherheit ohne Gefährdung dieses Gebildes. Ein Festival entsteht so nicht, eher Schläfrigkeit. Die Spielfluss-Verteilung: Mehr als 95 Prozent fanden außerhalb der Strafräume statt, die restlichen fünf Prozent verteilten sich auf Eckbälle oder darauf, dass sich der südafrikanische Torwart bei den geschätzt 1000 Rückpässen oft in seinem Sechzehner befand.
Bayern-Spitzenkraft Alphonso Davies begann auf der Bank. In jenem Stadion, in dem er sich im März 2025 das Kreuzband gerissen hatte, Verwerfungen zwischen FC Bayern, Kanadas Fußballverband und Marsch inklusive. „Er ist bereit, aber ich werde keine Minuten- oder Startelf-Versprechungen abgeben“, hatte Marsch am Tag vor dem Spiel gesagt. Er würde ihn also einwechseln, sollte er ihn brauchen. Das passierte 15 Minuten vor dem Ende, Davies dirigierte die Kollegen nach vorn, spielte nicht nur Querpässe. Er machte aus einem Langweiler ein Fußballspiel – und hatte beim Siegtreffer von Eustáquio den besten Platz im Stadion: nur ein paar Meter vom Schützen entfernt.
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