Die Deutschen lassen sich bei der WM rumschubsen, das macht mich traurig

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Die Deutschen lassen sich bei der WM rumschubsen, das macht mich traurig

Die Deutschen lassen sich bei der WM rumschubsen, das macht mich traurig

Nur eine einzige Gelbe Karte in drei WM-Spielen: Der DFB-Elf mangelt es an Physis. Körperloser Ballbesitzfußball wird gegen Paraguay nicht reichen.

Im Ecuador-Spiel gab es von Jonathan Tah die eine Szene, die mich schwer beeindruckt hat. Ich habe mir die Spielminute notiert: 51. Tah verfolgte seinen Gegenspieler Enner Valencia bis zur Außenlinie. Beim Kampf um den Ball stellte er mal eben seine 1,95 Meter Körperlänge so gekonnt in den Weg, dass der Stürmer Richtung Ersatzbank abflog.

Den verdatterten Blick von Valencia, als er vom Boden aufstand, werde ich nicht vergessen: Da hatte ihn der deutsche Abwehrchef mal eben aus der Bahn geworfen. Nicht viel später musste er raus.

Diese Szene vom 1:2 im dritten WM-Gruppenspiel blieb mir auch deswegen im Gedächtnis, weil ich mir bei vielen anderen Spielmomenten dachte: Warum halten unsere Nationalspieler nicht dagegen? Warum verlieren wir so viele Zweikämpfe?

Später sollte ich eine bemerkenswerte Statistik lesen: dass unsere Mannschaft zwar insgesamt jeden zweiten Zweikampf für sich entschieden hat, aber sieben von 15 Nationalspielern auf dem Rasen mehr Duelle verloren als gewonnen haben. Es macht mich traurig, wenn wir Deutschen uns herumschubsen lassen.

Schon klar, wir haben feine Techniker in der Mannschaft. Zum Beispiel Florian Wirtz, Jamal Musiala und Leroy Sané. Aber schon ihre Statur erlaubt keinen robusten Körperkontakt, wie Tah es vormacht; sie suchen spielerische Lösungen.

Leroy Sané beim Spiel gegen Ecuador
Leroy Sané beim Spiel gegen Ecuador Imago

Julian Nagelsmann weiß das. Der Bundestrainer gibt zu: „Körperlichkeit ist schwer zu trainieren. Wir müssen den Ball früher spielen, um Zweikämpfen aus dem Weg zu gehen.” Mich stimmt dieser Satz vorm Sechzehntelfinale Montag gegen Paraguay nachdenklich. Körperlosigkeit ist niemals eine Erfolgsformel im Profifußball.

Mir kommt plötzlich Stefan Effenberg in den Sinn, der Gegenspieler gelegentlich ganz bewusst zu Boden geschickt hat, um klar zu machen: Hier ist für dich heute nichts zu holen. Das Signal an die eigene Mannschaft: Wir lassen uns von denen nichts gefallen. Und heute? Mats Hummels sagte gerade: „Wir sind nicht die Mannschaft, die, wenn es hart wird, mit Körperlichkeit dagegenhält”.

Zugegeben, manchmal hat Effenberg es übertrieben und zu viele Gelbe Karten gesehen. Aber aktuell hat die deutsche Nationalmannschaft in drei WM-Spielen nur eine einzige Verwarnung kassiert, Aleksandar Pavlovic war das gegen Ecuador kurz vor der Pause. Das sagt etwas aus.

Nur einmal Gelb für Deutschland in der WM-Vorrunde
Nur einmal Gelb für Deutschland in der WM-Vorrunde Imago

Verlorene Zweikämpfe bedeuten meistens Ball- und Kontrollverlust und zwingen zu intensiver Laufarbeit, was wiederum Kraft kostet und die Gestaltungsfreiheit einschränkt. 61 Prozent Ballbesitz führten gegen Ecuador allenfalls zu einer eher schmeichelhaften Führung, als ein gefährliches Spiel (hohes Bein) nicht geahndet wurde und Sané traf.

Mehr kam nicht zustande, weil die Südamerikaner die Deutschen mit ihren auffälligen Körperlichkeit einzuschüchtern verstanden. Toni Kroos fand dafür die richtige Beschreibung: „Ecuador hat uns aufgefressen.”

Das alles ist deswegen so verrückt, weil wir Deutschen ja mal bekannt dafür waren, dass wir über den Kampf zum Spiel fanden. Unsere Brocken der Marke Tah hießen Katsche Schwarzenbeck, Jürgen Kohler, Jerome Boateng, um die erfolgreichsten zu nennen. Die fackelten nicht lange, wenn ihnen jemand das Wasser abgraben wollte.

Dadurch gewannen ihre Techniker (Franz Beckenbauer, Pierre Littbarski, Mesut Özil) ihre künstlerische Freiheit. Aber eine Abwehr und ein Mittelfeld ohne Gelbsucht lehrt niemanden das Fürchten. Nicht mal Paraguay.

Um Tah im Abwehrzentrum mache ich mir keine Gedanken; der räumt ab. Aber Pavlovic zeigt neben Felix Nmecha Defizite im Zweikampfverhalten, die ihn aus der Startelf kataplutieren könnten. Auch deshalb ist Joshua Kimmichs Rückkehr ins Mittelfeld ein großes Thema: Seine körperliche wie mentale Stärke, siehe FC Bayern, bereitet Gegnern oft Probleme.

Das ist, was Nagelsmann in seinem Team braucht: Robustheit und Präsenz, Gier und Dominanz. Mal eklig zu sein und Gelb zu riskieren, ist gegen Paraguay allemal besser als Geschubstwerden.

  • Bildquelle:

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