«Eine aussergewöhnliche Beobachtung»: Im Mittelmeer wird erstmals ein Weisser Hai gefilmt

Keine Angst: Mittelmeerreisende haben weiterhin nichts zu befürchten. Dass ein Weisser Hai sie in diesem Sommer beim Schnorcheln überraschen wird, bleibt höchst unwahrscheinlich. Denn was neulich Forscher auf hoher See zwischen Sizilien und Tunesien erlebt haben, ist eine Sensation.
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Während sie verlorengegangene Fischernetze entsorgen wollten, schwamm plötzlich ein Weisser Hai auf sie zu. «Statistisch gesehen ist es weitaus wahrscheinlicher, den Lotto-Jackpot zu gewinnen, als unter Wasser einem solch legendären Tier zu begegnen», sagte Derk Remmers. Der Taucher war als Freiwilliger der Organisation Ghost Diving im Einsatz und filmte mit seiner Kamera die ungewöhnliche Begegnung.
Weisse Haie werden im Mittelmeer immer seltener. Forscher gehen von wenigen hundert Exemplaren aus. Gesichtet wurden sie bisher gelegentlich an der Oberfläche. In einer Medienmitteilung schreibt die Stiftung Healthy Seas, dass es sich bei den Aufnahmen von Remmers wohl um die ersten handele, die je unter Wasser «von einem erwachsenen Weissen Hai im Mittelmeer in seinem natürlichen Lebensraum» aufgenommen worden seien.
Anfang Juni war Remmers mit einem Team von Tauchern auf einer Mission unterwegs. Ziel war es, ein Schiffswrack von sogenannten Geisternetzen zu befreien. Dabei handelt es sich um Fischernetze, die im Meer verlorengehen und zur Falle für Schildkröten oder grössere Fische werden. Besonders gefährlich sind die Netze, wenn sie sich an ein untergegangenes Schiff legen. Denn Wracks dienen als Ersatz für Riffe. Darin finden viele Wasserpflanzen und Fischarten neue Lebensräume, es entstehen Ökosysteme.
Bleibt ein Fischernetz an einem Wrack hängen, sind potenziell zahlreiche Meereslebewesen bedroht. Die Stiftung Healthy Seas war in früheren Missionen bereits zum besagten Schiff in der sizilianischen Meerenge getaucht. Es handelt sich um ein Wrack aus dem Zweiten Weltkrieg. Und bei diesem erkannten sie, dass dringend Handlungsbedarf bestand: Mehrere Exemplare der Unechten Karettschildkröte hatten sich in einem Fischernetz verfangen, zudem waren grössere Fische in die Falle geraten.

Derk Remmers / Ghost Diving

Derk Remmers / Ghost Diving
Die Stiftung initiierte den Tauchgang vor einigen Wochen. Mit dabei waren auch die Organisationen Ghost Diving und The Society for Documentation of Submerged Sites (SDSS). Die ganze Mission war somit ein Zusammenspiel von Meeresschützern, Tauchern und Forschern. So entfernten die freiwilligen Taucher von Ghost Diving die Netze, Healthy Seas untersuchte die Biodiversität, die SDSS brachte ihr Wissen zu Schiffswracks ein und half bei der Dokumentation.
Und dann kam der Weisse Hai. Der Freiwillige Remmers spricht von einem unfassbaren Ereignis. «Man verbringt Jahrzehnte damit, zu Wracks zu tauchen und Geisternetze zu entfernen, aber auf einen Moment wie diesen ist man nie wirklich vorbereitet.» Die Taucher setzten den Einsatz trotz dem gefährlichen Raubfisch fort. Besser gesagt: genau wegen des Haies. Remmers sagte: «Dieser Moment hat die Bedeutung unserer Arbeit sehr deutlich gemacht.»

Rogier Visser / Ghost Diving

Cor Kuyvenhoven / Ghost Diving
Denn Haie sind stark vom Aussterben bedroht, gerade wegen der Fischernetze. Das erklärt Carlo Cattano auf Anfrage der NZZ. Er forscht am sizilianischen Meereszentrum, der Stazione Zoologica Anton Dohrn in Palermo. Seit mehreren Jahren beschäftigt er sich mit den verschiedenen Arten von Haien im Mittelmeer. «Ihr Bestand ist in den letzten Jahrzehnten um rund 50 Prozent zurückgegangen», sagt Cattano. Das gilt auch für den Weissen Hai. Er wird vor allem versehentlich durch Fischernetze getötet, an der Oberfläche wie auch auf dem Meeresgrund. Gerade neulich sei vor der Küste Tunesiens ein Weisser Hai gesichtet worden – mit Resten eines Netzes am Körper.
Die Meerenge von Sizilien sei ein Hotspot für den Weissen Hai, weiss Cattano. Mehrere Forschergruppen hätten versucht, Exemplare unter Wasser aufzuspüren. «Trotz vielen Bemühungen wurden aber bisher keine gefunden», sagt Cattano. Um deren Verhalten zu studieren, konnten die Forscher bloss auf DNA-Spuren im Wasser zurückgreifen, auf zufällige Beobachtungen aus Schiffen oder auf die leblosen Körper getöteter Weisser Haie.
Deshalb gehe es bei den Aufnahmen von Remmers um «eine aussergewöhnliche Beobachtung». Cattano selbst hatte einige Gebiete umkreist, bei denen er die Präsenz von Haien vermutete, dazu zählten auch Schiffswracks. Denn jede Struktur im Meer, die für eine aussergewöhnliche Landschaft sorge, führe zu mehr Biodiversität – und damit zu mehr Beutetieren und Jägern. Das können Riffe, Tiefseeberge oder eben Wracks sein. Dass ein Weisser Hai genau bei einem solchen gesehen wurde, bestätigt diese These. «Sein Verhalten im natürlichen Lebensraum zu studieren, liefert uns nun mehr Informationen.»

Derk Remmers / Ghost Diving

Derk Remmers / Ghost Diving
Anhand der Videoaufnahmen hat Cattano bereits eine Vorabversion einer Forschungsarbeit publiziert, die nun begutachtet werde. Obwohl die Videosequenz nur kurz sei, habe sie wichtige Hinweise gegeben, etwa zur Grösse des Weissen Hais, der sich als Bulle herausstellte. Zudem konnte Cattano beobachten, welche Art von Fischen und Parasiten sich rund um den Hai befanden und wie er sich gegenüber den Tauchern verhielt.
Der Weisse Hai ist sehr mobil und legt bis zu Tausende Kilometer zurück. Umso wichtiger ist es laut Cattano, seine Aufenthaltsorte zu kennen und zu verstehen, wie diese zusammenhängen. Nur so könne man die bedrohte Spezies schützen. Wo es Belege gebe, dass der Weisse Hai lebe, sollte man die Fischerei einschränken und nur Mittel nutzen, die keine Gefahr für ihn darstellten.
Denn sterben weiterhin zu viele Weisse Haie in Netzen, droht ihnen auch wegen einer anderen Eigenschaft das Aussterben: Bisherige Studien zeigen anhand der DNA, dass die Weissen Haie aus dem Mittelmeer genetisch denjenigen aus dem Pazifik gleichen und keine Berührungspunkte mit den atlantischen haben. Das würde bedeuten, dass der Weisse Hai schon vor Millionen von Jahren ins Mittelmeer gelangte und nun keine Durchmischung mit Exemplaren aus anderen Ozeanen stattfindet.
nzz.ch



