Ebola und die globale Ungerechtigkeit des Gesundheitswesens

"Es war herzzerreißend, mitanzusehen, was in der Demokratischen Republik Kongo passiert, und gleichzeitig zu sehen, welche Ressourcen mobilisiert werden können, um diesen einen Patienten aus dem Kongo nach Deutschland auszufliegen", sagte Thomas Cronen. Der Oberarzt am Berliner Universitätskrankenhaus Charité und Facharzt für Infektiologie und Intensivmedizin war zu diesem Zeitpunkt noch in der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Dort trafen sie sich mit 50 weiteren Krankenhausärzten und -ärztinnen aus den acht Mitgliedsstaaten der Ostafrikanischen Gemeinschaft (EAC), um sich über die Behandlung von Ebola auszutauschen.
Cronen bezog sich auf den US-amerikanischen Missionsarzt Peter Stafford, der Mitte Mai aus der Demokratischen Republik ausgeflogen wurde, um an der Charité behandelt zu werden. Die US-Regierung begründete ihre Entscheidung damit, dass Deutschland näher sei als die USA. Doch es gab Vermutungen, die Trump-Regierung habe Stafford die Einreise verwehrt. Schließlich versprach auch Außenminister Marco Rubio, alle Fälle von Ebola von den USA fernzuhalten. Stafford hatte mit Ebola infizierte Patienten in der DR Kongo behandelt, als er sich selbst mit der hochinfektiösen und häufig tödlich verlaufenden Krankheit ansteckte.
Ein neues Medikament als RetterIn Berlin erhielt der US-Mediziner eine "experimentelle" Behandlung. Experimentell wird eine Behandlung genannt, wenn sich die Medikamente noch in der klinischen Versuchsphase befinden, also noch nicht für Menschen zugelassen sind. Berichte ließen vermuten, dass dieser Medikamentencocktail mit dem Namen MBP-134 in Afrika nicht einsetzbar gewesen wäre. Doch das entspricht nicht ganz der Wahrheit.
Während einer Krisensitzung am 15. Mai 2026, bevor Stafford ausgeflogen wurde, fällten die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Africa Centres for Disease Control and Prevention die Entscheidung, zwei Medikamente für die experimentelle Behandlung des Ebola-Ausbruchs in der Demokratischen Republik zu priorisieren. Bei einem davon handelt es sich um MBP-134.
Was genau ist MBP-134?Es ist eine Kombination von zwei Antikörpern, die einem Überlebenden des Ebola-Ausbruchs in Westafrika im Jahr 2013 entnommen wurde. Die Antikörper wurden in einem Labor vermehrt und werden deshalb als monoklonale Antikörper (mAKs) bezeichnet.
Monoklonale Antikörper gibt es seit den 1980ern. Sie wurden erstmals zugelassen, um Abstoßungsreaktionen bei Nierentransplantationen zu verhindern. Vermehrt eingesetzt werden monoklonale Antikörper (mAKs) aber erst seit etwa zehn Jahren. Waren 2014 nur 30 mAKs zugelassen, stieg ihre Zahl bis 2025 schon auf 144. Eine der bekanntesten Anwendungen ist das Medikament Lecanemab zur Behandlung von Alzheimer, einer Form der Demenz. Monoklonale Antikörper eröffnen demnach viele neue Behandlungsmöglichkeiten, sie sind aber noch nicht so weit verbreitet, wie sie es sein könnten.
In Laborstudien wurde MBP-134 an Frettchen und Javaneraffen getestet. Beide überlebten Infektionen mit verschiedenen Ebola-auslösenden Viren, darunter auch dem Bundibugyo-Ebolavirus, das für den aktuellen Ausbruch im Kongo verantwortlich ist. Das Medikament wurde auch an Menschen getestet. MBP-134 gilt also als vielversprechendes Medikament, doch in Afrika ist der Zugang zu monoklonalen Antikörpern begrenzt.
"Man braucht nicht nur das Medikament", sagt Gertler, ein Epidemiologe und Facharzt für Tropen- und Notfallmedizin mit jahrelanger Erfahrung in seinem Fachgebiet. "Bei der Gabe dieser Medikamente ist ein gewisses Maß an klinischer Betreuung erforderlich, eine Umgebung, in der die Medikamente gelagert und ordnungsgemäß verabreicht werden können und in der die Einnahme überwacht werden kann."
Das zweite Medikament, das für die Versuchsanwendung während des Ausbruchs in der DR Kongo als geeignet angesehen wurde, ist Remdesivir. Das Virostatikum wurde ursprünglich zur Behandlung von Hepatitis C entwickelt und während der Corona-Pandemie auf seine Wirksamkeit gegen COVID-19 getestet.
"Offensichtliche" UngerechtigkeitFür Cronen und Gertler ist der Unterschied zwischen deutschen oder europäischen Krankenhäusern und den Bedingungen, die sie in Ostafrika beobachten konnten, deutlich erkennbar. Auch zwischen den verschiedenen Mitgliedsstaaten der EAC weichen die Standards voneinander ab. So sei die Versorgungsebene in Ruanda höher als in Südsudan, berichtet Cronen.
"Es treten Fragen auf, und nicht immer gibt es eine gute Antwort. Man kann andere Diagnosemethoden empfehlen. Sind zum Beispiel keine CT-Geräte vorhanden, kann man erklären, wie in bestimmten Situationen Ultraschallgeräte genutzt werden können, die häufiger zur Verfügung stehen."
Im Bereich der globalen öffentlichen Gesundheit sind die Mittel ungerecht verteilt, stimmt Cronen zu. "Es ist offensichtlich. Wenn man andere Krankheiten [als Ebola] betrachtet, besteht diese Ungerechtigkeit ebenfalls. Wenn man sieht, wieviel wir in die Onkologie, die Hämatologie investieren, was wir alles für hunderttausende Dollar behandeln können … Und hier ist das absolut nicht möglich. Das ist jedem klar."
Internationale Hilfsbereitschaft scheint zu schwindenAfrikanische Staaten und ihr medizinisches Personal haben dennoch bereits Ebola-Epidemien bewältigt. Und das trotz des offensichtlichen Mangels an Geld, medizinischem Gerät und Medikamenten. "Frühere Ebola-Ausbrüche, ob es sich nun um 20 oder 30.000 Fälle handelte, wurden alle mit nicht-medikamentösen Mitteln eingedämmt. Weil Forschung, öffentliche Institute und die Bevölkerung zusammenarbeiteten", führt Cronen aus. "Die Betroffenen wurden isoliert, ihre Kontakte wurden nachverfolgt und die Bevölkerung wurde aufgeklärt. Wir können in Epidemien viel erreichen, wenn wir es wirklich wollen. Und wenn wir zusammenarbeiten."
Doch die Bereitschaft zur Zusammenarbeit scheint zu schwinden. Erneut erwägen die USA, ihre Auslandshilfen zu kürzen. Es wird überlegt, die Vergabepraxis des US-Amtes für Verwaltung und Haushalt grundlegend zu ändern. Treten die neuen Regelungen in Kraft, dürfen keine Gelder die USA verlassen, wenn sie nicht explizit US-Amerikanern zugutekommen.

Diese Kürzungen sollen zusätzlich zu den 83 Prozent erfolgen, um die die USA bereits ihre USAID-Programme gekürzt haben. Auch aus der WHO haben sie sich zurückgezogen und nur wenige europäische Länder wollen die entstandene Lücke nach Kräften füllen.
"Diese Epidemie ist auf dem fruchtbaren Boden der Instabilität und unzureichender Gesundheitsversorgung und -überwachung entstanden", beklagt Gertler. "Wir wissen von unseren Kollegen, dass Gesundheitszentren geschlossen wurden. Ich habe es bei meinem Aufenthalt im Kongo 2025 selbst gesehen. Viele Mitarbeiter erhielten keine neuen Verträge, die Medizinvorräte wurden eingeschmolzen. All das konnte man im vergangenen Jahr beobachten." Die Auswirkungen könnten bald andernorts zu spüren sein. "Bei Krankheiten mit epidemischem Potenzial besteht auch ein öffentliches Interesse an Orten, die sich nicht in der Ausbruchsregion befinden", warnt Gertler.
Das war während der Corona-Pandemie zu beobachten, die sich von einem lokalen Ausbruch zu einer regionalen und dann zu einer globalen Pandemie entwickelte. Erst kürzlich war zu sehen, welche Ängste das Hantavirus in Spanien auslöste, als ein Kreuzfahrtschiff aus der Karibik mit infizierten Patienten an Bord in den Kanaren anlegte.
Auch die Trump-Regierung scheint das zu wissen. Vielleicht ist das der Grund, warum sie nicht wollten, dass Stafford in den USA behandelt würde. "Es tut weh, das zu sehen", sagt Gertler. "Ja, Ebola-Erkrankungen sind selten. Aber als Ärzte und Zeugen dieser Situation müssen wir die Frage stellen: Warum stehen wir stumm daneben?"
Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo.
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