Luftfahrt: Das große Rätsel um die Zukunft von Easyjet

Der US-Finanzinvestor Castlelake war in der Luftfahrt bislang eher den Flottenplanern ein Begriff. Immerhin besaß der Finanzkonzern ein beachtliches Portfolio an Flugzeugen, die er an Fluggesellschaften weltweit gewinnbringend vermietete. 2024 allerdings verabschiedete sich das Unternehmen aus dem Geschäft. Aber nun, zwei Jahre später, rätseln selbst Insider darüber, was Castlelake vorhat und ob die Firma sogar Auslöser eines ziemlich grundlegenden Umbaus in der europäischen Airline-Branche sein könnte.
Denn Anfang des Monats bestätigte das Unternehmen per Börsenmitteilung, dass es Interesse an einer Übernahme der britischen Billigfluggesellschaft Easyjet habe. Bis Ende Juni muss Castlelake nun entscheiden, ob man das Vorhaben weiterverfolgt oder absagt, so sehen es die Regeln der britischen Finanzaufsicht vor. Und in den vergangenen zwei Wochen tat sich noch mehr Ungewöhnliches: Erst sickerte durch, dass der französischen Schifffahrtskonzern CMA CGM Interesse daran haben könnte, bei Easyjet Teil eines Konsortiums um Castlelake zu werden. Und dann schreckte noch Ben Smith, der Chef des Luftfahrtkonzerns Air France-KLM, seine Konkurrenten auf: Er verfolge, sagte er, zwar einen Kauf von Easyjet nicht aktiv – wenn er aber gefragt werde, ob es als strategischer Investor mitmachen wolle, werde man sich das Thema sicher anschauen.

Air France-KLM und Easyjet? Spätestens jetzt hatte das Thema eine neue Fallhöhe bekommen als zuvor, da sich nur ein Finanzinvestor den derzeit niedrigen Aktienkurs der Nummer zwei unter den europäischen Billigfliegern zunutze zu machen schien. Denn wenn Air France-KLM wirklich aufspringen und den Konzern um eine über 300 Flugzeuge starke Airline vergrößern würde, dann hätte das Folgen für praktisch alle anderen Anbieter in Europa. Auch die Lufthansa könnte das auf keinen Fall einfach ignorieren, sondern müsste dringend überlegen, ob sie nicht auch in ein mögliches Bieterrennen einsteigt.
Gerade konsolidiert sich Europas Luftfahrt mal wiederDas Thema Easyjet ist aus mehreren Gründen drängend: Die Fluglinie ist gerade billig zu haben. Sie ist zwar kein Sanierungsfall, aber doch reformbedürftig, vor allem weil sie im Vergleich weniger Profit macht als der Branchenführer Ryanair. Und die europäische Luftfahrt befindet sich momentan sowieso wieder einmal im Konsolidierungs-Modus.
Die Lufthansa beispielsweise ist gerade erst bei ITA Airways eingestiegen – wobei anfangs übrigens ebenfalls eine Kooperation mit CMA CGM vorgesehen war – und will noch im Laufe des Juni die Mehrheit an der italienischen Fluggesellschaft übernehmen. Die türkische Billigairline Pegasus, eine der profitabelsten der Welt, hat zudem beschlossen, die tschechische Smartwings zu kaufen. Derweil hat sich Turkish Airlines an Air Europa aus Spanien beteiligt. Air France-KLM ist außerdem bei SAS Scandinavian Airlines eingestiegen und will bis Ende des Jahres die Mehrheit übernehmen, wenn die Europäische Kommission das genehmigt. In Portugal läuft zugleich die Privatisierung der derzeit noch staatlichen TAP Air Portugal, starkes Interesse daran haben – natürlich – Lufthansa und Air France-KLM. Nicht zu vergessen auf der wahrscheinlich trotzdem unvollständigen Liste: In Deutschland steht die Condor zum Verkauf. Sie hat sich von einem weitgehend auf Ferienstrecken spezialisierten Anbieter zu einem mit der Lufthansa konkurrierenden Drehkreuz-Betreiber gewandelt und bräuchte eher früher als später einen strategischen Partner aus der Branche.
Ein natürlicher Partner für Easyjet wären weder Franzosen noch DeutscheIm Fall Easyjet waren die Spekulationen ursprünglich eher in die Richtung gegangen, dass Castlelake die Gesellschaft vielleicht kaufen und dann in Einzelteilen wieder abstoßen würde. Die Start- und Landerechte, die Flugzeuge und ein Großauftrag über 270 Maschinen bei Airbus zu mutmaßlich hervorragenden Konditionen versprechen einzeln mehr wert zu sein, als es Easyjet derzeit als Ganzes ist. Doch wenn CMA CGM und Air France-KLM mitmachen, würde solch ein Vorgehen keinen Sinn mehr ergeben.
Überhaupt scheint es keinen offensichtlichen Käufer für die Airline zu geben. Air France-KLM und die Lufthansa etwa müssten sehr stark von ihrem bisherigen Geschäftsmodell, das auf Umsteiger-Verkehr und Langstreckenflüge fokussiert ist, abweichen. An dezentralen Ferienstrecken im europäischen Ausland haben die beiden Konzerne bisher auch noch nie echtes Interesse gezeigt. Ryanair und die International Airlines Group – der Mutterkonzern hinter British Airways, Iberia und Vueling – dürften das Thema nicht einmal erwägen. Eine Übernahme von Easyjet würden ihnen die Wettbewerbsbehörden nicht oder nur mit extrem strengen Auflagen genehmigen.
Ein Indiz für die Zukunft könnte allerdings Castlelakes aktuelle Beteiligung an SAS sein. Im Zuge der Sanierung war der Finanzinvestor eingestiegen und will seinen Anteil nun gewinnbringend wieder verkaufen – an Air France-KLM.
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