Er läuft und läuft und läuft – nur leider nach China

100.000 Jobs will der Volkswagen-Vorstand nun hierzulande streichen. Im März war noch von 50.000 Stellen bis 2030 die Rede. Ende 2024 umfasste die Streichliste noch 35.000 Jobs. Es werden immer mehr. Weltweit arbeiten bei der Volkswagengruppe rund 700.000 Menschen, etwa 300.000 davon allein in Deutschland. Jeden dritten deutschen Mitarbeiter will Volkswagen also „freisetzen“, wie es im Deutsch der Betriebswirte heißt. Investiert wird dagegen verstärkt in China.
Der Audi-Standort Neckarsulm wackelt ebenso wie die VW-Werke in Emden, Hannover und auch Zwickau. In Zwickau haben die 8000 VW-Mitarbeiter letztes Jahr über 200.000 Autos produziert. Der Aufsichtsrat will am 9. Juli darüber beraten, ob sie weiterarbeiten dürfen. Das Krisenmanagement von Volkswagen sieht das Heil im heimischen Stellenabbau und in Auslandsinvestitionen. Die Krise ist hausgemacht, also will man das Haus verlassen. Eine Renovierung der heimischen vier Wände scheint ausgeschlossen.
Bei Volkswagen laufen die Kosten davonBei der Volkswagengruppe hat sich der Gewinn 2025 fast halbiert. Die Volkswagentochter Porsche steuert fast gar nichts mehr zum Ergebnis bei. Von Quartal zu Quartal sinken Umsatz und Gewinn. Woran liegts?
Auf der Kostenseite stehen zum einen veraltete Fabriken und Produktionsabläufe. Zwei Beispiele zur Produktivität: Während Volkswagen insgesamt 30 Stunden für den Bau eines Autos benötigt, kommt Tesla in Grünheide mit zehn Stunden aus. Oder: Der Toyota-Konzern stellte 2025 rund 11,2 Millionen Fahrzeuge her mit weniger als 400.000 Mitarbeitern, bei Volkswagen sind es 8,9 Millionen Autos bei rund 700.000 Mitarbeitern.
Hohe Energiekosten: Zwar profitiert Volkswagen von eigenen Kraftwerken und einem in Deutschland subventionierten Industriestrompreis, aber auch Vorprodukte – wie Stahl oder Motor-Komponenten – leiden an hohen Energie- und CO₂-Kosten. In China ist Energie noch stärker subventioniert und daher billiger.
Gewerkschaften und der Staat verteuern die ProduktionHohe Personalkosten: Die IG Metall hat über die Jahrzehnte traumhafte Tarifverträge mit hohen Gehältern, einer 35-Stunden-Woche und vielen Vergünstigungen ausgehandelt. Das Personal ist im Vergleich zu Standorten im Ausland oder auch Unternehmen wie Tesla daher viel zu teuer.
Hohe Lohnnebenkosten: Die Reformen, über die die Koalition derzeit verhandelt, können allenfalls den Status quo bei Rente, Gesundheit oder Pflege stabilisieren, bringen aber für die Wirtschaft bislang keine Entlastung – im Gegenteil: Die Sozialversicherungsbeiträge steigen, wenn die Koalition ihre Entwürfe in die Tat umsetzen sollte. Der Standort Deutschland wird somit noch teurer für Unternehmen.
Hohe Bürokratiekosten: Der Staat bürdet Unternehmen mehr Nachweispflichten und immer langsameren Vollzug auf. Die Verwaltung agiert noch weitgehend analog, Baugenehmigungen lassen oft Jahre auf sich warten. Das Lieferkettengesetz etwa, das laut Koalitionsvertrag eigentlich „abgeschafft“ werden sollte, gibt es in der ursprünglichen Form immer noch. Der Gesetzentwurf zur Änderung ist im Bundestag versackt.
Angebotsseite technologisch nicht wettbewerbsfähigDoch auch auf der Angebotsseite hapert es. Die Konkurrenz hat zusehends bessere Modelle im Schaufenster stehen. Erstmals zeigte sich das Angebotsdefizit bei Volkswagen beim Dieselskandal. Die Schummelei bei der Abgas-Software betraf zwar viele Hersteller, aber Volkswagen stand als erster in der Schusslinie und stand sinnbildlich für einen der größten Industrieskandale der Wirtschaftsgeschichte. Kostenpunkt: bislang 33 Milliarden Euro.
Der Dieselskandal brachte auch eine technologische Erkenntnis: Die Geschichte vom Verbrennungsmotor, die mit Gottlieb Daimler, Nikolaus Otto und Rudolf Diesel begann, ist auserzählt. Und bei der Elektromobilität war Volkswagen nicht mal Mitläufer, sondern hinkte lange hinterher und hat Marktanteile verspielt.
Auch der Versuch mit Hybridautos scheiterte. Die letzten Studien zeigten, dass die deutschen Plug-in-Hybride ihren zusätzlichen Elektromotor meist ungenutzt spazieren fahren und dieser kaum zum Einsatz kommt. Auch bei Volkswagen. Und beim nächsten Entwicklungssprung – dem autonomen Fahren – hat Volkswagen nun vorzeitig das Handtuch geworfen: Die Kooperation mit Bosch will man angeblich aus Kostengründen und mangelnder Fortschritte aufgeben.
Dann auch noch das Volkswagengesetz von 1960Viele Punkte auf der Kosten- und Angebotsseite sind also hausgemacht. Doch „hausgemacht“ bedeutet in Deutschland und insbesondere bei Volkswagen oft auch staatlich verursacht.
Bei Volkswagen kommt noch erschwerend hinzu: Das Land Niedersachsen hält 20,2 Prozent der Aktienstimmrechte. Laut Volkswagengesetz aus dem Jahr 1960 ist für wichtige Beschlüsse auf der Hauptversammlung aber eine 80-Prozent-Mehrheit erforderlich, und der Aufsichtsrat muss etwa bei der Errichtung oder Verlegung von Werken zu zwei Dritteln zustimmen. Das Land Niedersachsen beziehungsweise die Arbeitnehmervertreter haben also in beiden Gremien ein Vetorecht. So konnten in der Vergangenheit wichtige unternehmerische Entscheidungen ausgebremst werden.
Fast genauso alt wie das VW-Gesetz ist der legendäre Werbeslogan für den alten VW Käfer: „Er läuft und läuft und läuft …“ In Zukunft werden neue VW-Modelle aber in China vom Band laufen. Tschüss, Volkswagen. Tschüss, Standort Deutschland.
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