Tino Eisbrenner zum Klassentreffen der Ostmusik: Kultur als letzte Reserve

Zum Klassentreffen der Ostmusik am 20. Juni 2026 kehrt eine Legende auf die Bühne zurück: Nach vier Jahrzehnten spielt die Band Jessica wieder. Doch für Tino Eisbrenner ist dieses Comeback weit mehr als ein nostalgischer Rückblick auf die eigene musikalische Biografie. In einem Gespräch, das Éva Péli unmittelbar im Anschluss an die Tournee des Künstler-Trios ELF mit ihm führte, erläutert er, warum der Dialog in unruhigen Zeiten unabdingbar ist. Eisbrenner, der sich konsequent als Brückenbauer versteht, spricht darüber, wie Kunst als friedensbewegte Kraft gesellschaftliche Gräben überwinden kann und warum er gerade jetzt den „Lyrischen Einspruch“ als notwendigen Beitrag zur Verständigung sucht.
Ein spätes Happy End: Das Comeback von JessicaHerr Eisbrenner, Sie bringen die legendäre Band Jessica nach 40 Jahren wieder auf die Bühne. Warum ist für Sie das Klassentreffen der Ostmusik am 20. Juni 2026 gerade jetzt der richtige Moment?
Das Klassentreffen der Ostmusik ist aus der Beobachtung gewachsen, dass viele Menschen gerade in den letzten Jahren in eine Art Ostalgie zurückgefunden haben. Wer die Musik der 70er- und 80er-Jahre miterlebt hat, ist heute mindestens 60. Man erinnert sich an den Soundtrack seiner Jugend und bemerkt gleichzeitig, dass sich politisch Dinge zuspitzen, die uns damals in der Schule theoretisch vermittelt wurden: die Krisenzyklen des Kapitalismus, die Gefahr des Imperialismus. Dass sich Geschichte nun vor unseren Augen so entfaltet, wie es uns damals erklärt wurde, erzeugt eine neue Sentimentalität gegenüber dieser alten Zeit. Viele kramen alte Bücher heraus und stellen fest: Das war nicht alles „dämlich“, sondern wissenschaftlich fundiert.
Die Ostalgie ist also auch ein Stück weit intellektuelle Bestätigung?
Absolut. Und die Musik ist der Ausdruck, diese Erfahrung gemeinsam zu feiern. Nachdem es in den 90ern bereits Ost-Festivals gab und später Ost-Rock Klassik, kommt diese Welle nun zum dritten Mal. Das Klassentreffen der Ostmusik am 20. Juni 2026 spricht sich rasant herum. Schon im letzten Jahr wurde ich gefragt: „Wäre es nicht schön, wenn Jessica noch einmal spielen würde?“ Damals fehlte der kompositorische Kopf der Band – mein Gitarrist war mit der Abschiedstour von Pankow beschäftigt. Jetzt, ein Jahr später, haben wir geprobt und festgestellt: Das passt perfekt.
Dass Sie genau 40 Jahre nach Ihrem einzigen Album wieder zusammenkommen, wirkt wie ein spätes Happy End.
Das stimmt. Es macht die Reunion umso schöner. Wir wollen diesmal nicht nach drei Konzerten wieder aufhören, sondern die Band als solche erhalten und wahrscheinlich ein zweites Album aufnehmen. Es sind noch Lieder von damals übrig, die nie aufgenommen wurden, und neue sind entstanden. Für mich persönlich ist das auch ein Akt der Erholung. Nach all dem politischen Engagement und meinem „Lyrischen Einspruch“ ist es heilsam, einfach mit den alten Liedern rauszugehen, in Erinnerungen zu kramen und dieses Gefühl von damals zu spiegeln. Wir treten sogar mit den Bläsern von damals auf – eine vergrößerte Jessica-Besetzung. Es ist wichtig, sich bei allem Engagement auch mal in die Kunst fallen und treiben zu lassen. Das ist für mich der schönste Anlass für Jessica.
Ivonne Manteuffel
Tino Eisbrenner (geb. 1962) ist ein deutscher Liedermacher, der die ostdeutsche Musikszene der 1980er- Jahre als Frontmann der Band Jessica maßgeblich prägte. Heute agiert er als vielseitiger Autor, Musiker und Aktivist, der sich unermüdlich für den interkulturellen Dialog sowie die Friedensbewegung einsetzt. Mit Projekten wie dem Trio ELF und seinen „Lyrischen Einsprüchen“ verbindet er künstlerische Tiefe mit gesellschaftskritischem Engagement. Sein Credo lautet dabei: Musik statt Krieg.
Sie hatten es gerade angesprochen, Ihr neu geborenes Projekt mit Lüül und Jens Fischer-Rodrian heißt „Lyrischer Einspruch“. Ein Einspruch ist normalerweise ein juristisches oder politisches Instrument. Wie sieht dieser Einspruch auf der Bühne aus, und was können Lieder gegen die allgegenwärtigen „Kriegstrommeln“ ausrichten?
Ein Einspruch erfolgt in dem Moment, in dem man mit einem Zustand nicht einverstanden ist und sagt: „Stopp! Hier gibt es etwas zu bedenken oder richtigzustellen.“ Als Trio verstehen wir uns genau so: als Instanz, die interveniert. Jeder von uns bringt seine Schwerpunkte ein: Jens beschäftigt sich intensiv mit dem Nahostkonflikt, ich mich seit Jahren mit dem Verhältnis zwischen Ukraine, Russland und Deutschland. Kennengelernt haben wir uns in der Unterstützung für Julian Assange. Das alles sind Formen des Einspruchs. Wir sagen: „Einspruch, Euer Ehren! Vielleicht sollte man dies oder das aus einer anderen Perspektive betrachten.“
Was ist Ihr poetischer Ansatz dabei?
Wir wollen der dunklen Seite der aktuellen Debatten nicht einfach nur einen Spiegel vorhalten. Das wäre zu einfach, denn im Spiegel sieht man am Ende auch nur die Dunkelheit. Unser Ziel ist es, Licht in den Tunnel zu bringen – und zwar schon in der Mitte, nicht erst am Ende. Es ist kein klassischer Protest, sondern ein Konzert. Wir singen auch Liebeslieder. Aber auch die sind ein Einspruch gegen die Spaltung und die Unsitte, mit dem Finger aufeinander zu zeigen. Wenn ich am Ende eines Konzerts ein aus dem Russischen übersetztes Lied singe, ist das ein Einspruch gegen das „böse Russland“-Narrativ. Über das Herz begreifen die Menschen, dass das Bild, das uns medial vermittelt wird, unvollständig sein muss. Früher reisten Journalisten wie Klaus Bednarz oder Gerd Ruge an den Baikalsee, sprachen mit den Menschen am Lagerfeuer und zeigten: Wir sind alle gleich, unsere Sorgen und unsere Gastfreundschaft sind universell. Dieser Geist fehlt heute völlig.
Kultur als letzte Verbindung: Diplomatie jenseits der PolitikAm 11. Juni haben Sie das Programm „Lieder für den Frieden“ im Russischen Haus präsentiert. Wenn offizielle diplomatische Kanäle blockiert sind, wird die Kultur zur letzten Brücke. Welche Resonanz erleben Sie bei Ihrem Publikum, wenn Sie russische Literatur oder Musik in Ihr Programm einbauen?
Zu gern wird ja mein Engagement von bestimmten Kreisen völlig falsch interpretiert und angefeindet. Seit 2014 geht es mir darum, das Verhältnis Deutschland-Russland nicht erfrieren zu lassen. Mir gefällt weder die militärische Intervention Russlands noch der staatlich hofierte Nazi-Kult in der Ukraine, aber was mir am wenigsten gefällt, ist das doppelmoralische Agieren deutscher Politik. So, wie Russland seit 2022 behandelt wird, wurden die USA trotz ihrer Kriege nie behandelt. Wir haben gemeinsam mit Russland für das Minsk-2-Abkommen gebürgt, um gleichzeitig das im Bandera-Kult schwelgende Kiew gegen die Russen aufzumunitionieren. Wer zu meinen Konzerten kommt, sieht diese Widersprüche und sucht oft genau diesen kulturellen Ausgleich. Es sind friedensbewegte Menschen, viele haben eine eigene Biografie, die sie mit Russland verbindet – gerade im Osten. Manchmal öffnet mein Hintergrund als ehemaliger DDR-Popstar mir die Türen. Wenn ich dann Alexander Puschkin oder Bulat Okudschawa präsentiere, öffnet das Herzen. Die Leute sind dankbar, weil sie merken, dass ich mein Herz sprechen lasse und auch für ihre Überzeugungen den kalten Gegenwind ertrage.
Das Konzert am 11. Juni war ursprünglich als reiner Friedensabend geplant. Das enorme Interesse – der große Saal war bereits zwei Wochen im Voraus ausgebucht, und es gab bis zuletzt zahlreiche Anfragen – unterstreicht, dass das Programm nun eine ganz eigene politische Dimension bekommen hat.
Ja, das Konzert wurde praktisch zu einer Solidaritätsveranstaltung – nicht nur für den Frieden, sondern für den Erhalt der kulturellen Brücken an sich. Ich bin dort zusammen mit Künstlern wie Karsten Troyke, Alejandro Soto Lacoste, Jens Fischer-Rodrian, Corinna Gehre, Kathjusha Kozubek und der russischen Künstlerin Daria aufgetreten. Die aktuelle politische Lage zwingt uns zum Handeln. Es gibt ja wieder Bestrebungen, insbesondere aus Kreisen der Grünen, das Russische Haus schließen zu wollen. Das ist eine blanke Absage an die Diplomatie und eine fatale Absage an die Völkerverständigung.
Sie hatten vorhin das Thema der gekappten Verbindungen angesprochen. Ist das Schließen solcher Orte nicht genau das, was Sie damit meinen?
Absolut. Wer solche Orte schließen will, bricht vorsätzlich Brücken ab, die wir gerade jetzt dringender denn je brauchen. Man muss dafür sorgen, dass das Russische Haus offen bleibt. Schauen Sie sich doch den Umgang auf beiden Seiten an: Die Russen schließen das Goethe-Institut in Moskau ja auch nicht, obwohl die politische Stimmung eisig ist. Wenn wir hier das Russische Haus schließen, ist das ein Akt der kulturellen Selbstbeschädigung. Es ist absolut realistisch, dass die Gegenseite dann sagt: „Gut, dann haut mit eurem Goethe-Institut ab.“ Dann ist diese kulturelle Lebensader komplett zerstört. Das ist eine Katastrophe, die unbedingt verhindert werden muss. Solche Orte sind die letzte Reserve der Zivilisation zwischen zwei Völkern.
Wie nehmen Sie die Stimmung in Russland wahr, wenn Sie vor Ort sind?
Die Menschen dort sind sehr interessiert, wie wir Deutschen auf die aktuelle Lage blicken. Sie fragen sich, warum wir als Volk nicht aktiver gegen die Eskalation und das in ihren Augen einseitige Russland-Bashing vorgehen. Viele in Russland betonen ausdrücklich, dass sie keinen Konflikt mit dem deutschen Volk wollen. Wir müssen uns als Künstler diesen Fragen stellen, auch wenn es manchmal schwierig ist. Aber der Austausch ist essenziell.
Sie sprechen oft von der „Volksdiplomatie“. Was unterscheidet Ihre Arbeit von der offiziellen Politik?
Ein Politiker wird von Konferenz zu Konferenz geschoben. Als Künstler hingegen sitze ich nach einem Konzert in einer Küche bei den Menschen. Wenn das Herz geöffnet ist, erfahre ich ihre „zwischenmenschliche Wahrheit“, die in keinem offiziellen Statement vorkommt. Das ist unheimlich wertvoll.
Die „Indianer Deutschlands“: Über die Brücke zwischen Ost und WestSie haben die Ostdeutschen als „Indianer Deutschlands“ bezeichnet. Nun sind Sie gerade von einer Tournee mit dem neuen Trio ELF zurückgekehrt, gemeinsam mit den westdeutschen Musikern Lüül und Jens Fischer-Rodrian. Wie verlief das Zusammenspiel zwischen dem „Indianer“ und den „Cowboys“ – und warum gibt Ihnen dieses Projekt Hoffnung, dass eine echte deutsche Einheit im Geiste der Kunst doch möglich ist?
Zunächst zur Klarstellung: Das Zitat stammt nicht von mir, sondern von einem indigenen Gesprächspartner in Mexiko, den ich Anfang der 90er-Jahre traf. Wir sprachen darüber, wie das Gebiet der ehemaligen DDR nach der Wende von westlichen Wirtschaftslegionären überrannt wurde, ohne jegliches Interesse an unserer, 40 Jahre lang gewachsenen, kulturellen Identität. Er sagte damals: „Dann seid ihr die Indianer Deutschlands.“ Dieses Bild habe ich mitgenommen. Nach über 30 Jahren habe ich den Eindruck, dass auch im Westen ein Lernprozess stattgefunden hat. Viele realisieren heute, mit welcher Ignoranz wir damals behandelt wurden. Es gab keine echte Einheit, sondern eine Übernahme, bei der das Ampelmännchen als Alibi diente. Die Wunden sind nach wie vor tief.
Spielt die Ost-West-Identität bei Ihrer Zusammenarbeit also noch eine Rolle?
Definitiv. Aber nicht als Hindernis, sondern als unterschiedliche Perspektive. Wer an nichts interessiert ist und unbequeme Themen ausblendet, für den mag die Herkunft keine Rolle spielen. Wir als Liedermacher jedoch stellen Fragen. Wir hinterfragen, was uns geprägt hat: Hier der American Way of Life, dort der Versuch, einen Sozialismus zu bauen. Mein Vorteil als jemand, der beide Systeme erlebt hat, ist die Fähigkeit zur Relativierung. Ich kann die Fehler meiner Seite kritischer hinterfragen, gerade weil ich die andere Seite kenne. Ein Paradebeispiel war die Corona-Zeit: Plötzlich hieß es in einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung: „Das ist verboten.“ Wer sich widersetzte, geriet unter massiven Druck oder wurde sanktioniert. Da brauche ich mir von niemandem mehr erklären lassen, wie „unmündig“ der DDR-Bürger war.
Bildnummer: 50468305 Datum: 22.04.1986 Copyright: imago/Gueffroy Jessica (GDR) - V.l.n.r.:Bassist Janec Skirecki, Sänger Tino Eisbrenner, Keyboarder Ralf Böhme und Gitarrist Andre Drechsler während eines Konzerts, Personen; 1986, Musiker, Konzerte , Pop , Rock, Janek; , quer, Kbdia, Gruppenbild, Musik, Kunst, Deutsche Demokratische Republik, Aktion, People; Aufnahmedatum geschätzt
© Gueffroy/imago
Sie haben das Thema „Völkerfreundschaft“ angesprochen. Welche Rolle spielt die Politik dabei, Brücken zu bauen oder einzureißen?
Politik wurde eigentlich geschaffen, um Verbindendes zwischen unterschiedlichen wirtschaftlichen, geopolitischen oder kulturellen Interessen zu finden und einen Konsens zu erzielen. Doch das, was wir derzeit in Deutschland erleben, ist das exakte Gegenteil. Unsere Regierenden spalten, heizen an und reden von „Kriegstüchtigkeit“, statt Lösungen zu suchen. Sie ruinieren das Land sehenden Auges. Der Ausgleich fehlt völlig. Man sieht das am Sport: Früher war er die internationale Verständigungsebene. Heute wird er ideologisiert. Kein US-Amerikaner wurde je ausgeschlossen, nur weil sein Land Krieg führte – bei russischen Athleten hingegen wird das als probates Mittel gesehen. Hier wird nicht mehr gewettet, sondern sanktioniert. Wenn die Politik das nicht kann – das Verbindende suchen –, dann sollte sie zumindest der Kunst freie Fahrt lassen.
In Belarus, wo ich kürzlich mit einer Gruppe Deutscher war, wurde uns gesagt, dass der Krieg in der Ukraine längst vorbei wäre, wenn Russland verlässliche Sicherheitsgarantien erhielte.
Das ist der entscheidende Punkt. Entweder ist unsere aktuelle Politik schlicht „dumm“ oder sie folgt einem finsteren Plan – beides ist unverantwortlich, wenn man das Schicksal von Millionen Menschen trägt. Politiker schwören, Unheil vom deutschen Volk abzuwenden, wollen es aber gleichzeitig „kriegstüchtig“ machen. Das ist völlig widersprüchlich. Wer Frieden will, muss Frieden denken. Solange man nur Krieg denkt und Russland „in die Knie zwingen“ will, wird man nirgendwo Frieden finden. Man kann den Konflikt nicht wie ein Spiel auf dem Buddelkasten behandeln.
Ich frage mich, warum so viele diesen Kurs kritiklos mittragen. Bei vielen habe ich den Eindruck einer völligen Leere im Denken.
Die Menschen werden manipuliert. Ich hatte ein Schlüsselerlebnis in der Corona-Zeit: Ein befreundeter Landtagsabgeordneter erzählte mir, er müsse in einen Ausschuss, in dem ein Wissenschaftler zur Impfpflicht referieren würde. Auf meine Frage, ob auch jemand geladen sei, der die Gegenargumente vertritt, herrschte Stille. Es war schlicht nicht vorgesehen. Da wurde mir klar, wie Politik heute funktioniert: Man hört nur noch die eine Seite, die in das eigene Narrativ passt, und bildet sich dann ein, „ausgewogen“ entschieden zu haben. Es findet kein wirklicher Diskurs mehr statt. Wenn ich es gut mit diesen Politikern meine, muss ich mir immer wieder sagen: Sie sind eben auch nur Menschen, die in diesem geschlossenen System der Einseitigkeit gefangen sind. Bei einem unserer ELF-Konzerte gab es einen Tumult im Saal, weil zwei Herren lauthals Empörung gegen mein Plädoyer für Frieden mit Russland und diplomatischen Einsatz zur Beendigung des Krieges zeigten, während andere gegenhielten. Ich bot an, nach dem Konzert noch eine Gesprächsrunde zu bilden, aber die Empörten lehnten ab und rannten aus dem Saal. Tiefe Gräben – kein Diskurs. Seit Corona.
Die Grenze zwischen Kunst und PropagandaWenn wir die Tagespolitik einmal beiseite lassen: Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen Politik und Kunst? Wann wird Kunst zum notwendigen Eingreifen in das Weltgeschehen – und ab wann läuft sie Gefahr, zur reinen Propaganda zu werden?
Zunächst einmal sind Kunst und Kultur unsere schöpferische Art, die Poesie des Lebens zu bewahren. Wenn wir wahrhaftig Mensch sein wollen, greifen wir darauf zurück. Ein Mensch oder ein ganzes Volk definiert sich über seine Kultur, nicht über die aktuelle politische Machtkonstellation. Kunst existiert nicht im luftleeren Raum. Sie ist immer ein Spiegel der Gesellschaft. Oft werden die großen Zusammenhänge erst durch die Kunst fühlbar. Ob Picassos „Guernica“, Schostakowitschs „Leningrader Sinfonie“ oder Brecht – all diese Werke haben das Zeitgeschehen reflektiert. Daher ist es in meinen Augen eine notwendige Aufgabe der Kunst, Haltung zu entwickeln.
Während man vom Journalismus eine neutrale Berichterstattung erwartet, sollte die Kunst den Menschen die Welt aus einem spezifischen Blickwinkel, quasi mit einer wohlbegründeten empathischen Haltung, erklären. Propaganda wird es dann, wenn die Ideologie vorgibt, wie Kunst auszusehen hat, um bestimmte Ziele zu erreichen. Wenn man für eine solche staatliche Vorgabe arbeitet, ist das kein Spiegel der Realität mehr, sondern reines Bedienen einer Ideologie. Kunst wird dann zur Kulisse und lässt viel von ihrer schöpferischen, aufklärerischen und revolutionären Kraft im Stich.
Sie fordern mehr Einigkeit in der Friedensbewegung. Warum ist die Zersplitterung so groß?
Wir lassen uns zu leicht spalten. Wenn wir es schaffen, die Gräben durch persönliche Gespräche zu überbrücken, haben wir schon viel gewonnen.“ Mein großes Beispiel ist der 26. April 1945, das Treffen an der Elbe. Damals reichten sich zwei Armeen mit völlig gegensätzlichen Ideologien die Hand, um weiter gemeinsam gegen Hitler zu kämpfen. Wenn wir das heute feiern, warum sollten wir nicht in der Lage sein, unsere ideologischen Differenzen zurückzustellen, um miteinander für den Frieden zu demonstrieren? Darin müssen wir noch besser werden. Das Gespräch untereinander ist der erste Schritt zum Frieden.
„Klassentreffen der Ostmusik“ am 20. Juni 2026, ab 19:00 Uhr. Karten und weitere Infos zum Tourplan finden Sie unter www.eisbrenner.de.
Lesen Sie mehr zum Thema
Berliner-zeitung



