Hormus-Krise: Versicherungen treiben Einkaufspreise hoch
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Tausende Schiffe stecken im Persischen Golf fest. Die Versicherer erhöhen die Prämien. Damit beginnt ein Domino-Effekt.
Laut dem „Hormuz Strait Monitor“ fahren nur noch rund zehn Prozent der Schiffe durch die Straße von Hormus. Ein Grund sind massiv gestiegene Versicherungskosten. Diese halten Reedereien von der Passage ab oder führen sogar dazu, dass Versicherungen ganz verweigert werden. Die Transporte können wesentlich teurer werden als anfangs gedacht – und damit auch die Einkäufe für Verbraucher.
Ein kurzer Rückblick: Anfang März meldete Germany Trade & Invest, dass Versicherer Kriegsrisikodeckungen in der Region kündigen oder verteuern. Kriegsrisikodeckungen sind Zusatzversicherungen für Konfliktrisiken – sie ergänzen die reguläre Seekaskoversicherung und werden am deutschen Markt kaum angeboten. Zu den Konfliktrisiken gehören Raketenangriffe und Minen.
Die Prämien stiegen damals von 0,2 Prozent auf 1,0 Prozent des Schiffswertes. Heute sieht das ganz anders aus: Auf Anfrage von FOCUS online teilte der Verband Deutscher Reeder (VDR) mit, dass die Aufschläge für Kriegsrisikoversicherungen bei bis zu zehn Prozent des Schiffspreises liegen können. Das gilt „in der Regel nur für sehr kurze Zeiträume“. Versicherer verlangen zum Beispiel bis zu zehn Prozent des Schiffswertes, um eine Woche lang Versicherungsschutz zu gewähren.
„Bei einem mittelgroßen Containerschiff mit einem Wert von rund 40 Millionen US-Dollar kommen so schnell sehr hohe Summen zusammen“, mahnt der VDR. Die Reedereien geben diese Mehrkosten entlang der Lieferkette weiter – „anders ist das finanziell nicht tragbar.“ Genau das löst einen Dominoeffekt aus und kann die Waren im Handel teuer machen.
Dazu ein Rechenbeispiel: Ein modernes Containerschiff fasst rund 7000 Container und kostet etwa 40 Millionen US-Dollar. Bei einem Aufpreis von vier Millionen US-Dollar wären das maximal rund 570 US-Dollar Mehrkosten pro Container. Selbst, wenn davon nur ein Teil auf die Verbraucher umgelegt wird, können Waren im Handel spürbar teurer werden.
Der VDR weist außerdem darauf hin, dass die Versicherungsprämien und Bedingungen immer individuell zwischen Reedereien, Maklern und Versicherern ausgehandelt werden. Wie hoch die ausfallen, hängt vom jeweiligen Schiff und der Ladung ab – Durchschnittswerte oder Berechnungen, wie sich das am Ende auf die Preisgestaltung auswirkt, gibt es nicht.
„Klar ist: Mit steigenden geopolitischen Risiken wächst der Kostenanteil für Sicherheits- und Versicherungsleistungen deutlich.“ Gleichzeitig blockieren Krisen wie die im Persischen Golf wichtige Teile des Welthandels. Was das heißt, erfahren deutsche Autofahrer seit einigen Wochen an der Tankstelle. Weniger Öl auf dem Markt bedeutet mehr Wettbewerb und höhere Preise.
Einige Versicherungen für Schiffstransporte im Überblick:
- Haftpflichtversicherung (auch P&I genannt): Funktioniert wie eine Haftpflichtversicherung für Schiffe.
- Seekaskoversicherung: Wie eine Kaskoversicherung, nur für Schiffe. Sie deckt direkte Schäden am Schiff ab.
- Kriegsrisikodeckung (Zusatzversicherung für Seekaskoversicherung): Hier findet die extreme Preiserhöhung statt.
- Warentransportversicherung: Ebenfalls mit möglichen Aufpreisen, wenn Reedereien das Kriegsrisiko einschließen wollen. Sie versichert die verschifften Waren.
Bis die höheren Prämien im Handel spürbar ankommen, kann es noch dauern. Aktuell fahren nur sehr wenige Schiffe durch die Straße von Hormus, und diejenigen, die es tun, haben oft Asien als Ziel. Betroffen sind also Waren:
- die zuerst in Drittländer und von dort aus nach Deutschland verschifft werden,
- die aus Rohstoffen hergestellt werden, die vom Persischen Golf aus in Produktionsländer fließen, die die verarbeiteten Güter dann nach Deutschland liefern,
- oder die direkt vom Persischen Golf aus nach Deutschland geliefert werden.
Das kann Elektronik betreffen, Maschinen- und Autoteile oder Konsumgüter von Textilien bis Spielekonsolen. Je nach Lieferkette können die Preise oder die Lieferzeiten steigen.
Unter den deutschen Versicherern bemerken vor allem die Transportversicherer die Hormus-Krise. „Für Transporte in oder durch ausgewiesene Risikogebiete werden entsprechende Beitragszuschläge erhoben“, sagt eine Sprecherin der Kravag-Versicherung zu FOCUS online. Verschiedene Versicherer hätten das Kriegsrisiko aus ihren Warentransport-Versicherungen ausgeschlossen, aber gegen einen Aufpreis können Reedereien es wieder einschließen lassen.
Allerdings haben die Versicherer keine Zahlen zum Anteil von Kriegsdeckungen im Vergleich zu klassischen Seegefahren in der Warentransportversicherung. „Bei der Gestaltung unserer Versicherungsprodukte orientieren wir uns unter anderem an der Global Cargo Watch List (GCWL) und prüfen im Einzelfall, welche Deckungsmöglichkeiten umsetzbar sind.“
Ähnlich äußert sich die Allianz. Zwar gewährt sie bestehenden Kunden eine Versicherung auch in Krisenzeiten und in Krisenregionen, aber der Preis hängt vom Risiko und der Lage vor Ort ab. „Dies gilt für Schiffsversicherungen wie auch Transportversicherungen.“ Eine pauschale Aussage darüber, wie teuer die Kriegszuschläge und damit die Transporte werden, macht auch die Allianz nicht.
Handlungsunfähig sind die Versicherer damit nicht. Im Gegenteil: Die Warentransportversicherung soll im internationalen Geschäft weiter stabil sein. So jedenfalls gibt es der Gesamtverband der Versicherer (GDV) an. „Der Markt funktioniert, wenn auch unter schwierigen Bedingungen“, sagt GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen dazu. „Wer Ladung in der Golfregion zu verschiffen hat, wird Versicherungsschutz finden“ – wenn auch zu veränderten Bedingungen.
Ähnlich sei es bei der Kaskoversicherung. Die regulären Deckungen (Strandung, Kollision, Sturm, Feuer und weitere) bestünden unverändert fort. Lediglich die bereits erwähnten Zusatzversicherungen werden teurer. Weil diese in der deutschen Seekaskoversicherung keine Rolle spielen, ist der deutsche Erstversicherungsmarkt vergleichsweise sicher.
Trotz allem kann man nicht sagen, dass die Versicherer die Macht über die Transporte durch die Straße von Hormus haben. Zwar könnten die Schiffe die Passage wesentlich billiger nehmen, wenn die Zuschläge in der Kriegsversicherung und die teureren Tarife in der Warentransportversicherung nicht wären. Aber am Ende ist es der Iran, der die Schiffe angreift.
„Ob die Schiffe bei der gegebenen Sicherheitslage fahren oder nicht, ist vor allem eine Frage der Risikobewertung seitens der Reeder oder Charter“, sagt ein GDV-Sprecher zu FOCUS online.
Diejenigen Reedereien, die die Chance haben, leiten ihre Schiffe seit Kriegsbeginn um. Allerdings entstehen derzeit immer mehr Krisenherde entlang zentraler Seehandelsrouten. Der VDR fordert bereits „verlässlichen Schutz“ für die zivile Handelsschifffahrt.
Bis es so weit kommt, fahren die Reedereien auf eigenes Risiko durch die Straße. Hunderte Schiffe sind von der Blockade betroffen und laut Lloyd's List Intelligence sitzen nach wie vor Zehntausende Seeleute auf den Schiffen fest.
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