Hat der Nachbar mehr? Der gefährliche Verteilungskampf
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Jüngere Generationen sehen das Leben immer mehr als Verteilungskampf. Das kann zur wirtschaftlichen Spirale führen.
Auf der einen Seite „Migranten nehmen Deutschen den Wohnraum weg”. Auf der anderen Seite „Milliardäre zahlen nicht genug Steuern”. Laut der Harvard-Ökonomin Stefanie Stantcheva breitet sich der Verteilungskampf immer mehr in den Köpfen junger Generationen aus. „Alles wird als großes Gegeneinander dargestellt“, sagt die Expertin in einem „Spiegel“-Interview.
Die grundlegende Idee hinter dem Verteilungskampf-Denken: Was jemand besitzt, sei es ein Unternehmen, ein Land oder eine Privatperson, wird zwangsläufig jemand anderem weggenommen. Wo jemand gewinnt, muss jemand anderer verlieren.
In einer Welt begrenzter Ressourcen folgt dieses Denken einer gewissen Logik. Und laut der Ökonomin gibt es vor allem in den jüngeren Generationen immer mehr Menschen, die darin ein immer größeres Problem sehen. „Wir sehen in den Gesellschaften der USA und vieler anderer entwickelter Industrienationen einen massiven Anstieg der Menschen, die die Welt in Kategorien einer Nullsummen-Logik einordnen“, erklärt Stantcheva.
Dabei unterscheiden sich die Themen, bei denen Linke und Rechte Ungerechtigkeiten sehen. „Wer eher rechts steht, neigt dazu, zu glauben, dass Einwanderer auf Kosten der Einheimischen gewinnen – also stärker in Nullsummen-Kategorien beim Thema Migration zu denken.“ Auf der linken Seite dagegen steht der Gewinn der Reichen eher im Fokus – der auf Kosten der Ärmeren gehen muss. Stantchevas Meinung nach führt das zu einer gewissen „Härte und Unversöhnlichkeit”.
Im Alltag gibt es jede Menge Beispiele für solche Verteilungskämpfe. Bei der Migration hat sich schon vor Ewigkeiten die Phrase „They take our jobs” (übersetzt: Sie nehmen unsere Jobs weg) etabliert. In jüngeren Jahren machen verschiedene tendenziell rechts stehende Politiker und Influencer Migranten für den Wohnungsmangel verantwortlich.
Weitere Beispiele für den Verteilungskampf von rechts:
- Bürgergeldempfänger nehmen dem Rest der Bevölkerung das Geld weg
- Ukrainer nehmen Bürgergeldempfängern das Bürgergeld weg
- Gendergerichtete Politik nimmt der Bevölkerung Rechte weg
Üblicherweise von links kommen dagegen Forderungen in Richtung soziale Themen. Beispiele dafür sind Reichenbesteuerung oder der Komplex Arzt-Wartezimmer. Seien es Millionäre, die nicht genügend Steuern zahlen, oder Privatpatienten, die Kassenpatienten die Behandlungsplätze wegnehmen: Auch hier ist der Verteilungskampf sichtbar.
Einige Beispiele für den Verteilungskampf von links:
- Investoren und Immobilienkonzerne nehmen der Bevölkerung den Wohnraum weg
- Unternehmen behalten zu viel der Einnahmen für sich und geben nicht genug per Lohn weiter
Beispiele aus der internationalen Wirtschaft sind beispielsweise die Verteilungskämpfe um Öl und Gas (angeheizt von der Hormus-Krise), die um Seltene Erden oder Wasser. Sobald eine Ressource nur begrenzt vorhanden und ein Bedarf da ist, kann es zu Verteilungskämpfen kommen.
Der „Spiegel“ sieht in dieser ganzen Debatte eine psychologische Gefahr: Wenn immer mehr Menschen das Leben als bloßen Verteilungskampf sehen, droht das Problem Nullsumme zur sogenannten selbst erfüllenden Prophezeiung zu werden. Solche „Denkmuster können dazu führen, dass entsprechende Politik umgesetzt wird“, warnt Stantcheva. Dann würden zum Beispiel „extreme Maßnahmen” gegen „wirtschaftlich eigentlich lohnende Einwanderung” ergriffen. Oder hohe Barrieren gegen einen eigentlich für alle Seiten vorteilhaften Welthandel hochgezogen.
Das kann zu weniger Handel führen, und das wiederum zu weniger Wohlstand. „Das könnt die Ausprägung von Nullsummen-Denken verstärken”.
Im Grunde kann also durch die Angst vor dem Kampf um endliche Ressourcen ein genau solcher entstehen. Die Studie „Zero-Sum Thinking and the Roots of US Political Differences” zeigt, dass das Nullsummendenken historisch dann zunimmt, wenn die wirtschaftliche Lage der USA schlecht ist. Genauso nimmt das Nullsummen-Denken ab, wenn die Lage besser wird.
Bis es zu einer Verbesserung kommt, wird es angesichts der herrschenden globalen Krisen noch eine Weile dauern. Außerdem treiben Länder wie die USA den Protektionismus voran, was den Welthandel einschränkt. Die Ökonomin Stantcheva sieht hier ein Versäumnis der vergangenen Jahrzehnte. Die großen Gewinne aus dem Welthandel seien bislang „nicht gut verteilt“ worden. Ihre Lösung: „Es braucht Umverteilung, um die Verbraucher an den Gewinnen teilhaben zu lassen.“
Daneben fordert sie, dass Länder stärker auf Innovation setzen müssten. Dies könne das Wachstum antreiben. In der Vergangenheit sei es gelungen, fehlende Innovation durch mehr Arbeitskräfte und mehr Kapital zu kompensieren, aber das werde in Zukunft „kaum noch” funktionieren.
Zuletzt müssten auch die Gewinne aus dem Sektor künstliche Intelligenz bei Verbrauchern ankommen, damit die Verbraucher die Technologie als etwas Gewinnbringendes einschätzen. Aktuell wird auch KI als etwas angesehen, das Jobs wegnimmt, und die Technologie sorgt durch Verteuerung von Hardware eher dafür, dass beim Verbraucher am Ende weniger Geld bleibt. Durch eine bessere wirtschaftliche Situation des Einzelnen will die Ökonomin dem Nullsummen-Denken der Allgemeinheit begegnen.
Die gegenteilige Denke zum Verteilungskampf ist die sogenannte Win-Win-Situation. Hier geht es nicht darum, stärker zu sein als andere oder möglichst geschickt etwas wegzunehmen, sondern möglichst geschickt eine Situation herbeizuführen, in der alle Beteiligten einen Vorteil haben.
Der Ökonom Gustav Horn von der Universität Duisburg-Essen hat im „Deutschlandfunk” das Beispiel Tarifverhandlung der Deutschen Bahn herangezogen. Unter anderem hatten diese eine mögliche Verlängerung der Arbeitszeit beinhaltet, wenn die Beschäftigten es wünschten. Beide Seiten gewinnen, erfordern aber Kompromisse.
„Beiderseitige Vorteile kommen nicht anstrengungslos daher, sondern sind an Voraussetzungen gebunden, die man erkunden und erkämpfen muss. Schafft man dies, dann heißt es nicht mehr „ich“ oder „du“, sondern „wir“.”
Das funktioniert aber auch ohne großflächige wirtschaftliche Veränderung. Um den negativen Effekten von Nullsummendenken entgegenzuwirken, eignen sich einige Tipps für den Alltag:
- Win-Win-Denken: Wenn Sie an einen Punkt kommen, an dem Sie einen Verteilungskampf bemerken, fragen Sie sich, wie alle Seiten am besten profitieren, anstatt, wie eine Seite gewinnt.
- Fragen Sie sich, ob Sie tatsächlich etwas verlieren, wenn Sie mitkriegen, dass andere gewinnen. Halten Sie kurz inne und hinterfragen den Impuls. Stimmt es oder handelt es sich nur um ein Gefühl?
- Ist der Kuchen gewachsen: Versuchen Sie, sich an Situationen zu erinnern, in denen ein Kuchen tatsächlich gewachsen ist. Das können Netzwerke, Projekte oder Teams sein.
- Informationsquelle prüfen: Influencer oder Politiker, die auf Angst vor Knappheit setzen, fördern Nullsummendenken. Fragen Sie sich: Wer profitiert darum, wenn viele die Welt als Verteilungskampf sehen?
- Prüfen Sie, wann Nullsummendenken wichtig ist: Verschiedene Fragen erfordern Nullsummendenken – prüfen Sie, ob das in Ihrer Situation der Fall ist. Aber übertragen Sie das nicht automatisch auf alle Bereiche.
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