Becker und Petkovic machen zusammen einen Tennis-Podcast. Kann das gutgehen? Und wie!

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Becker und Petkovic machen zusammen einen Tennis-Podcast. Kann das gutgehen? Und wie!

Becker und Petkovic machen zusammen einen Tennis-Podcast. Kann das gutgehen? Und wie!
Eine gewisse «wechselseitige Verehrung»: So beschreibt Andrea Petkovic die Beziehung zwischen sich und Boris Becker.

Nein, über den grossen Teich nach New York zu den US Open hat es Boris Becker in diesem Jahr nicht geschafft. Die deutsche Tennislegende kommentiert stattdessen das letzte Grand-Slam-Turnier des Jahres für einen ziemlich kleinen deutschen Streaming-Sender – wie man in der TV-Sprache sagt – «aus der Box heraus». Mit zwei Bildschirmen vor sich, eingesperrt in einer Kabine und mit einem Co-Kommentator an seiner Seite. Becker ist da, wo die Tennis-TV-Rechte gerade hinverteilt werden. Die vielen Reisen zu den grossen Turnieren sprengen die Budgets der Sender. Die Fernsehleute machen es immer öfter von zu Hause aus.

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Becker passt das ganz gut. Er braucht das alles nicht mehr. Der 57-Jährige ist Deutschlands «Voice of Tennis». Und er macht es exzellent. Der sechsmalige Grand-Slam-Champion fühlt sich immer dann am sichersten, wenn er über Tennis reden kann – weil sein Erfahrungsschatz so enorm gross ist. Er war die Nummer 1 als Spieler, und er hat, das wird oft vergessen, Novak Djokovic als Trainer zu sechs Major-Titeln geführt. Sein Wissen über diesen Sport wird von beiden Perspektiven angereichert. Das ist ein grosser Vorteil. Weswegen er nun seit ein paar Monaten auch ein neues Genre für sich entdeckt hat: das Podcasten.

Petkovic schrieb Ode an Becker

Viele in der Szene fragten sich, als Anfang des Jahres durchsickerte, dass ein neuer Tennis-Podcast von und mit Boris Becker gelauncht werden würde, welcher Mehrwert daraus entstehen könnte. Brauchte es auf dem Markt wirklich noch ein weiteres gleichförmiges Tennisformat, in dem es um die ewig öden Post-Match-Analysen und ein bisschen Gossip abseits der Courts geht? Trotz dem grossen Namen, wirklich Neues war da nicht zu erwarten.

Als sich aber kurz vor dem Australian Open herausstellte, dass Becker zum Podcasten mit Andrea Petkovic in den Ring steigen würde, stieg die Neugierde. Petkovic, eine ehemalige deutsche Top-Ten-Spielerin, ist so ziemlich das Gegenteil von Becker: schlagfertig, humorvoll, wortgewandt, intellektuell und auch ein bisschen glamourös. Und: Petkovic ist 20 Jahre jünger, hat bis vor kurzem selbst noch auf der Tour gespielt. Es ist auch dieser Reiz der kompletten Unterschiedlichkeit der beiden Protagonisten von «Becker – Petkovic», der diesen Podcast zum Hörvergnügen macht. Denn das ist er wirklich.

Zuerst dachte man, dass Becker mit der Alleskönnerin Petkovic nicht mithalten könne. Die Darmstädterin ist allgegenwärtig in ihrem Sport – und bewegt sich vor allem auch spielend auf internationalem Parkett. In New York kommentiert sie gerade die Spiele am US Open live für das World Feed, sie arbeitet aber auch als Expertin für den amerikanischen Tennisgiganten Tennis Channel. In Wimbledon war Petkovic für Amazon Prime im Einsatz, nebenher moderiert sie eine Tennis-Gala nach der anderen. Beim WTA-Turnier in Berlin fungiert sie auf Turnierseite als «Director of Excitement».

Ganz zu schweigen von ihren schreiberischen Fähigkeiten. Petkovic ist Buchautorin und formuliert für das in Deutschland hoch angesehene «Zeit-Magazin» Kolumnen. In einer dieser schrieb sie auch einmal eine Ode an Becker und sein heldenhaftes Spiel, das nicht frei von Tragödien war. Ihr privater Blog «Finite Jest» auf der Plattform Substack ist nicht nur für Tennisfans, sondern auch für Literaturliebhaber und Freunde der Wortakrobatik ein allwöchentlicher Genuss.

Aber Petkovic frisst Becker trotz ihrem Hochgeschwindigkeits-Tennisleben nicht auf, sie überlässt ihm im gemeinsamen Podcast immer wieder klug das Feld. Sie weiss genau: Becker verfügt über etwas, was sie selbst nicht besitzt, das Champions-Gen. Die grossen Titel hat Petkovic nie gewinnen können. Becker könnte man stundenlang zuhören, wenn er über das Triumphieren auf dem Court erzählt und beschreibt, welche überragende Bedeutung das Mentale im Tennis wirklich hat.

Noch eine Sache, die «Becker – Petkovic» so erfolgreich macht und weswegen der Podcast in den Audio-Sport-Charts vorne rankt, ist das Unverfälschte. Beide scheuen sich trotz ihren vielschichtigen Verflechtungen insbesondere im deutschen Tennissport nicht, Klartext zu reden. Als Becker seinen Landsmann Alexander Zverev einmal nach einer frühen Turnierniederlage kritisierte, löste das grosse Verstimmungen beim Weltranglistendritten aus.

Petkovic legt gerne einmal den Finger in die Wunde, wenn es um den (nicht sehr hoffnungsvollen) Zustand des deutschen Tennis geht. Der Dialog, die grosse Kunst des Podcastens, funktioniert bei den beiden sehr gut. Die Aufnahmen machen sie von zu Hause aus. Petkovic lebt die Hälfte des Jahres mit ihrem Freund zusammen im New Yorker Stadtteil Williamsburg. Dort klappt sie dann den Rechner auf und schliesst ein spezielles Mikrofon an. Becker schaltet sich aus Mailand einfach dazu.

Nach einer Nacht Überlegen sagt Petkovic zu

Fragt man in New York Petkovic, wie es zu der auf den ersten Blick ungewöhnlichen Kombination mit Becker gekommen sei, erzählt sie der «NZZ am Sonntag», dass Becker sie auf einer Tennis-Gala am Rande des Laver Cup in Berlin im vergangenen Jahr als Moderatorin erlebt habe. «Das hat ihm wohl so gut gefallen, dass er mich angerufen und gefragt hat, ob wir den Podcast, den er schon länger machen wollte, zusammen gestalten wollen.» Petkovic habe eine Nacht überlegt und zugesagt. «Wir haben zwei Probefolgen aufgenommen und sofort gemerkt, dass das funktioniert.»

Zur Wahrheit über die Entstehung des Podcasts gehört auch, dass Beckers neue Vermarktungsagentur Sportfive im Hintergrund die Fäden gezogen hat. Der Hauptsitz von Sportfive ist in Hamburg. Dort wird der Podcast auch von der Marketingagentur OMR produziert. Boris Becker und Andrea Petkovic kennen sich schon lange, und auch wenn es keine «tiefe Freundschaft» zwischen ihnen gebe, so seien sie sich «nah», und es gebe eine gewisse «wechselseitige Verehrung». So beschreibt es Petkovic.

Es mag seltsam klingen, aber genau dadurch entsteht im Podcast manchmal eine gewisse Distanz. Auch das ist etwas wohltuend Gutes im Zusammenspiel dieser so unterschiedlichen Alphatiere.

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

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