Heidi Klum macht's vor : Endlich alt genug, um schräg zu sein

Mit den Jahren kümmert es uns immer weniger, was andere von uns denken und viele trauen sich endlich, ihre wahres, exzentrisches Ich rauszulassen. Gut so!
Erinnerst du dich noch daran, als Heidi Klum mal während ihrer Ehe mit Seal ausplauderte, dass sie sich gern mit ihm zum Sex verabredete? "Hey, Baby, um sechs Uhr im Wandschrank." – so schilderte sie es 2008 US-Talkerin Ellen DeGeneres. Das war natürlich hochamüsant. Kurz darauf traf ich Seal in Hamburg für ein Interview und hakte nach: "Stimmt es, dass Sie sich mit Ihrer Frau gerne zum Sex im Wandschrank treffen?"
Seal was not amused.Seals Reaktion? Nun, sagen wir es mal so: He was NOT amused ... Und lange dauerte es danach auch nicht mehr, bis die Scheidung ins Haus stand. Vermutlich war sie ihm irgendwann zu viel, und er ihr zu bieder.
Mai 2026. In Hamburg finden die "Online Marketing Rockstars" statt, eine Plattform für Online-Marketing-Macher:innen. Heidi ist als Speakerin gebucht und betritt mit skandalös-tiefem Ausschnitt, Nerd-Brille und Schoßhündchen die Bühne. Ihre Botschaft: "Authentizität schlägt Algorithmus", sie lasse sich nicht verbiegen, haue einfach raus. Und alle lagen ihr zu Füßen.
Mit Schoßhündchen zur FachmesseKlum zeigt, wie befreiend es sein kann, das eigene schräge, laute Ich nicht länger zu zähmen. Mit 53 ist sie eine Frau, die nicht um Erlaubnis fragt, sondern sich den Raum einfach nimmt. Die sich von jeder Erwartung befreit, wie sich Frauen "in ihrem Alter" vermeintlich zu kleiden oder zu inszenieren haben.
Zu Beginn ihrer Karriere wirkte Heidi Klum eher klassisch und glatt. Mit Tom Kaulitz (und seinem exzentrischen Bruder Bill) kam nicht nur ein neuer Mann, sondern auch eine neue Leichtigkeit: mehr Lust am Albernen, mehr Mut zum Cringe (etwa, wenn sie mal wieder beim "GNTM"-Finale meint, live singen zu müssen ...). Dadurch ist die Unternehmerin zu einer der interessantesten Popfiguren ihrer Generation geworden, weil sie öffentlich lebt, was viele Menschen erst spät lernen:
Viele lassen ihr wahres Ich erst mit 70 raus!Das Leben ist zu kurz, um sich dauerhaft zu verstellen – und das eigene authentische, exzentrische Ich in Quarantäne zu halten. Die Wissenschaft zeigt allerdings, dass viele Menschen erst sehr spät an diesem Punkt ankommen.
Rebecca Schlegel, Psychologin an der Texas A&M University, fand heraus, dass die meisten von uns glauben, ihrem "wahren Ich" im Laufe des Lebens immer näherzukommen. In jungen Jahren dagegen seien wir oft noch auf der Suche, würden Rollen ausprobieren, uns vergleichen, ständig nachjustieren. Wir investieren also viel Energie darin, andere davon zu überzeugen, jemand zu sein, der wir gern wären.
Erst mit der Zeit lässt dieser Druck nach. "Studien zeigen, dass wir uns im späteren Leben weniger mit anderen vergleichen", sagte die New Yorker Altersmedizinerin Rosanne Leipzig gegenüber "New York Times". "Dadurch fühlen wir uns sicherer in dem, wer wir sind – und in dem, was wir glauben." Kein Wunder, dass Erwachsene laut Studien zwischen 30 und 34 und dann erst wieder ab 70 besonders glücklich sind.
Man muss nicht bis zur Rente warten, um damit anzufangen.Kann ich nur bestätigen. Ich bin kürzlich 40 und Mutter geworden – und werde mit jedem Tag ein bisschen wunderlicher. So gehe ich schamlos im Bademantel zum Kiosk um die Ecke, um mir ein Eis zu kaufen, lege mich bei Lust und Laune für ein Nickerchen auf eine Parkbank, singe beim Spazierengehen laut vor mich hin oder umarme Bäume, wenn mir danach ist. Mein kleiner Sohn findet's witzig. Auch sonst sind die Reaktionen selten ablehnend. Ich glaube: Wenn man selbst aufhört, sich permanent zu kontrollieren, entsteht eine Art stille Erlaubnis für andere, ebenfalls ein bisschen mehr sie selbst zu sein.
Vielleicht ist das die eigentliche Freiheit, die mit dem Älterwerden kommt: dass man aufhört, "normal" sein zu wollen. Und stattdessen anfängt, die eigene Weirdness nicht nur zu akzeptieren, sondern zu feiern – so wie Heidi es tut.
Brigitte
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