Dior-Cruise-Show 2027 in Los Angeles: Wie Jonathan Anderson Marlene Dietrich aufleben lässt

Es war eine Kulisse wie aus einem alten Hollywood-Film: Oldtimer, Flutlicht, Nebelschwaden – und mittendrin Dior. Gestern Abend lud das Modehaus ins Los Angeles County Museum of Art (LACMA) und schuf damit genau die Bühne, die Jonathan Anderson für seine erste Cruise-Show brauchte.
Die Leichtigkeit von Los Angeles griff Anderson durch das wiederkehrende Motiv der Mohnblume auf – jener ikonischen Blüte, die wie kaum eine andere mit Kalifornien verbunden ist und dort jedes Frühjahr ganze Landschaften in Orange- und Rottöne taucht. Diese sonnige Note traf auf eine düstere, spannungsgeladene Atmosphäre, die an einen Hitchcock-Film erinnerte – das Ergebnis wirkte wie ein eleganter Modethriller.
Blumenapplikationen waren ein widerkehrendes Motiv in der gesamten Kollektion.
© IMAGO/Guerin Charles/ABACA
Traditionell dienen Cruise-Kollektionen als Zwischenlinien zwischen den großen Prêt-à-porter-Saisons. Ursprünglich wurden sie für wohlhabende Kundinnen entworfen, die die Wintermonate an luxuriösen Reisezielen verbrachten. Heute sind Cruise-Shows vor allem globale Prestigeprojekte: aufwendig produzierte Events, mit denen Luxusmarken ihre kulturelle Relevanz und internationale Reichweite unterstreichen.
Dior, Dietrich und HitchcockJonathan Anderson griff für seine erste Dior-Cruise-Show tief in das eigene Archiv. Ausgangspunkt der Kollektion war eine ikonische Jacke aus der Haute-Couture-Kollektion Frühjahr/Sommer 1949, die Marlene Dietrich in Alfred Hitchcocks Film „Die rote Lola“ trug. Diese Verbindung aus klassischem Hollywood und französischer Couture zog sich durch die gesamte Kollektion.
Wie der britische Guardian berichtete, erklärte Anderson vor der Schau: „Wir denken bei Dior an diesen romantischen Charakter, aber er war auch ein sehr geschäftstüchtiger Mann. Es gibt diese ganze beeindruckende Korrespondenz zwischen Dior, Dietrich und Hitchcock, die zeigt, wie er mit dem Geld umging, das die Produktion dieses Films kostete. Ich glaube, wir unterschätzen, wie viel Dior mit den Studiobossen verhandelt hat. Er war in dieser Hinsicht sehr clever.“
Ebenso präsent war die kalifornische Mohnblume, die als florales Leitmotiv immer wieder auftauchte – als Stickerei, Print oder dreidimensionale Applikation. Dazu Bouclé-Jacken mit ausgefransten Ärmeln, bestickte Spitzenkleider, Patchwork-Tücher und großzügige Shearlingmäntel, die eine Mischung aus Bohème, Glamour und dekonstruiertem Luxus erzeugten.
Auch die Menswear nahm viel Raum ein. Paillettenbesetzte Anzüge sorgten für den Glam-Faktor, während andere Models in Pyjamahemden und Lederhosen erschienen und einen Hauch von Western versprühten. Besonders auffällig waren die klassischen amerikanischen Shirts, die in Zusammenarbeit mit dem Künstler Ed Ruscha entstanden und durch kunstinspirierte Schriftzüge und grafische Elemente auffielen.
Die Hüte von Philip Treacy transportieren schwebende Botschaften.
© IMAGO/Guerin Charles/ABACA
Besonders markant waren außerdem die Hüte: Dafür holte Jonathan Anderson den irischen Hutmacher Philip Treacy an Bord, der seine ikonischen Typografie-Hüte neu auflegte. Erstmals präsentiert in Treacys Couture-Show im Herbst 2001, wirkten die Wörter damals wie in die Luft gezeichnete Skizzen, die über dem Kopf zu schweben schienen.
Im Laufe seiner Karriere fertigte Treacy individuelle Stücke unter anderem für Britney Spears oder Lady Gaga. Dass Anderson sie nun zurückbringt, passt zu seiner eigenen Designsprache, die stark in Surrealismus, Skulptur und Handwerk verwurzelt ist. Ihr Revival markiert eine Rückkehr zu jenem imaginativen, theatralischen Geist, den man bei Dior zuletzt vermisst hatte.
Im Accessoire-Bereich setzte Dior zudem auf starke Formen und dekorative Details: eine geometrisch interpretierte Saddle Bag, Bucket Bags mit Dior-Médaillon und halbmondförmige Schultertaschen ergänzten die Looks. Schuhe mit floralen Stickereien und Pailletten griffen die opulente Bildsprache der Kollektion auf.
Anderson unter Druck: Mehr ist nicht gleich mehrDie Schau war zugleich ein wichtiger Moment für Jonathan Anderson, der seit seinem Einstieg bei Dior unter besonderer Beobachtung steht. In der Branche wird er immer wieder mit Matthieu Blazy verglichen – beide gelten als prägende Designer einer neuen Luxusgeneration. Entsprechend hoch sind die Erwartungen an Anderson, Dior sowohl kreativ zu erneuern als auch kommerziell erfolgreich weiterzuführen.
Der Mann hinter der Kollektion: Jonathan Anderson ließ sich am Ende der Show für seine typischen drei Sekunden blicken.
© IMAGO/Guerin Charles/ABACA
Und genau dieser Druck schien sich gestern Abend auf dem Runway widerzuspiegeln. Es war viel los: Kollaborationen mit Künstlern für Hüte und Shirt-Aufschriften, Mesh-Ohrringe über opulenten Ketten, hyperrealistische Blumenapplikationen, neben denen selbst die strassbesetzten Handtaschen beinahe untergingen. Look um Look schien neue Ideen und Referenzen übereinanderzuschichten.
Jonathan Anderson ist ohne Frage auf einem sehr guten Weg. Die Kollektion bewies Gespür für Atmosphäre, starke Bilder und eine moderne Couture, die sich an eine jüngere Zielgruppe richtet. Gleichzeitig hinterließ die Schau den Eindruck, dass sich der öffentliche Druck in einem konsequenten „Mehr ist mehr“ niedergeschlagen hat. Doch gerade in diesem Fall wäre etwas weniger tatsächlich mehr gewesen – ganz wie in einem Hitchcock-Thriller: Die größte Spannung entsteht nicht aus dem, was man zeigt, sondern aus dem, was man weglässt.
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