Volker Schlöndorff, der Meister der deutschen Literaturverfilmungen: «Darüber habe ich auch oft mit Max Frisch gestritten»

Mit 87 Jahren kommt der deutsche Regisseur erneut zu den Filmfestspielen nach Cannes – fast ein halbes Jahrhundert nach der Goldenen Palme für «Die Blechtrommel». Im Gespräch erzählt er, warum ihn Jenny Erpenbecks «Heimsuchung» nicht mehr losliess und welcher Film bis heute ein wunder Punkt bleibt.
Pamela Jahn

Volker Schlöndorff kommt beschwingt die Treppe hinunter. Ein fester Händedruck, ein freundliches Lächeln, der Regisseur wirkt gelassen. Fast möchte man meinen, er sei zu Hause in dem klobigen Kastenbau der Babelsberger Postproduktionsfirma Rotor Film, wo das Treffen stattfindet.
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Ganz abwegig ist der Gedanke nicht: Das Wohnhaus des Regisseurs liegt nur einen Steinwurf entfernt am Potsdamer Griebnitzsee. Aber Schlöndorff verbringt gerade jede Minute im Tonstudio, um seinem neuen Film «Heimsuchung» den letzten Schliff zu geben. Viel Zeit bleibt nicht: Am Samstag ist Premiere in Cannes.
«Du hast die Palme doch schon»Für Schlöndorff, geboren 1939 in Wiesbaden, ist es eine Rückkehr an die Côte d’Azur. Vor sechzig Jahren lief sein erster Film «Der junge Törless» im Wettbewerb der Filmfestspiele. Damals reiste der Regisseur noch im VW-Bus über die Alpen an, bevor es die Brennerautobahn gab. Die Goldene Palme erhielt er 1979 für seine geniale Verfilmung von Günter Grass’ Roman «Die Blechtrommel».
Dass er «Heimsuchung» diesmal in der Nebenreihe «Cannes Premières» präsentiert, stört ihn nicht. «Ich hatte mich zuvor mit Gilles Jacob besprochen», sagt Schlöndorff. Der heute 95-jährige französische Filmkritiker und ehemalige Präsident der Filmfestspiele riet seinem Freund davon ab. «Er meinte: ‹Du kannst doch nicht in den Wettbewerb gehen in deinem Alter, du hast doch die Palme schon.› Das fand ich sehr gut.»
Schlöndorff hat mit «Heimsuchung» den Roman von Jenny Erpenbeck verfilmt, der mittlerweile in Deutschland zur Schullektüre gehört. Ein moderner Klassiker, keine zwanzig Jahre alt. Die Booker-Prize-Gewinnerin erzählt darin fast ein Jahrhundert deutsche Geschichte von den 1920er Jahren bis zur Wendezeit mit all ihren Konflikten, Katastrophen und Verwerfungen. Schauplatz ist ein idyllisches Waldgrundstück an einem märkischen See irgendwo in Brandenburg.
Ein Bauer verkauft das Land, ein Architekt baut ein Haus für sich und seine neue Frau darauf. Instand gehalten wird es von einem Gärtner, der schweigend die Ereignisse beobachtet, die sich um ihn herum abspielen. Nationalsozialismus, Krieg, Vertreibung, Enteignung, Wiedervereinigung, Leerstand, Verkauf. Menschen kommen und gehen, Familien zerbrechen oder werden gewaltsam auseinandergerissen. Davon schreibt Erpenbeck in einer anspruchsvollen Sprache und Struktur, die es dem Leser manchmal nicht leichtmacht, dem Roman und seinen Figuren zu folgen.
In Schlöndorffs Version ist davon nichts zu spüren. Der Regisseur hat die komplexe Handlung der Vorlage in einem Fluss verfilmt und weniger verschachtelt als im Original. «Max Frisch hat mich immer vor Rückblenden gewarnt», sagt er. Von dem Schweizer Schriftsteller hatte er 1991 dessen Roman «Homo Faber» mit Sam Shepard, Julie Delpy und Barbara Sukowa fürs Kino adaptiert. «Frisch argumentierte so: Kaum hat eine Geschichte angefangen, muss man sich auf eine andere einlassen, und ist man darin erst mal investiert, springt man wieder zurück in die erste Zeitebene. Im Film sei das ganz schlecht, in der Literatur etwas völlig anderes.»
Ein Film wurmt ihn noch immerSein feines Gespür für Literatur und dafür, was es braucht, sie eindrücklich auf die Leinwand zu übertragen, hat Schlöndorff nicht verloren. Auch bei der Besetzung seines neuen Films stimmt alles. Ob Lars Eidinger, Susanne Wolff, Martina Gedeck, Ulrich Matthes oder Detlef Buck, alle wollten sie mit Schlöndorff drehen. Sogar David Bennent, der in der «Blechtrommel» die Hauptrolle des Buben Oskar Matzerath spielte, tritt in «Heimsuchung» erneut in einer Nebenrolle auf.
Dass Erpenbeck seiner Anfrage zustimmte, lag nicht zuletzt daran, dass sich der Regisseur und die Autorin schon lange kennen. «Vor dreissig Jahren ungefähr ist sie mal zusammen mit Werner Herzog bei mir aufgetaucht. Jenny wollte hier in Babelsberg auf die Filmhochschule gehen und dachte, ich könne ihr dabei helfen. Damals war ich Geschäftsführer der Filmstudios. Sie hoffte, ich hätte Beziehungen, um ihr einen Studienplatz zu verschaffen. Hatte ich aber nicht. Daran erinnerte sie mich, als wir uns vor acht Jahren wieder trafen, um über ihr Buch zu reden.»

An der Zusammenarbeit änderte die Anekdote aus vergangenen Zeiten zum Glück nichts. Immerhin gilt Schlöndorff bis heute unangefochten als der grosse Meister des deutschen Kinos, wenn es um Literaturverfilmungen geht. Als er Robert Musils Debütroman «Die Verwirrungen des Zöglings Törless» als Stoff für sein Regiedebüt auswählte, war der junge Filmemacher gerade Mitte zwanzig, ungefähr im gleichen Alter wie der Autor selbst, und griff bei der Umsetzung auch auf seine eigenen Jugenderfahrungen im bretonischen Internat zurück.
Dass nicht jede seiner Adaptionen letztlich ein Erfolg wurde, wurmt den Regisseur trotz sämtlichen Auszeichnungen noch immer. Vor allem der «Michael Kohlhaas» lässt ihm keine Ruhe, gesteht er mit einem Hauch von Reue in der Stimme. Die Literaturverfilmung, basierend auf der gleichnamigen Novelle von Heinrich von Kleist, bleibt ein wunder Punkt in seinem Œuvre. «Es gibt inzwischen einige andere Versionen, und ich würde mal brutal sagen, die sind auch nicht gut», kommentiert er dazu und legt nach einer kurzen Pause nach: «Ich werde mich nicht mehr daran vergreifen. Aber der Stoff ist immer noch da, und ich denke, es ist nach wie vor ein grossartiger Film verborgen in diesem Werk.»
Auch Erpenbecks Roman war ihm zunächst weniger zugänglich als etwa Prousts Klassiker «Eine Liebe von Swann». Obwohl Schlöndorff auf jenen Film ebenso kritisch zurückblickt: «Statt der Ornella Muti hätte ich Isabelle Adjani in der weiblichen Hauptrolle nehmen sollen.» Was ihn aber auf Anhieb an «Heimsuchung» fesselte, war das Thema deutsche Geschichte, das sich wie ein roter Faden durch sein Werk zieht.
Und so gab es auch diesmal einen Punkt oder einen, wie Schlöndorff es nennt, «magischen Moment», an dem das Buch für ihn sein Geheimnis preisgab. «Ich habe das Ganze zunächst als Fiktion gelesen», sagt er, «im Grunde ist es jedoch gar kein Roman. Zeitgemäss gesehen ist der ganze DDR-Teil eins zu eins autobiografisch. Jenny beschreibt darin, was sie nie verwunden hat: den Verlust des Hauses durch die Wiedervereinigung.»
Einige der Szenen, denen er jetzt im Babelsberger Tonstudio den Feinschliff gibt, zeigen Martina Gedeck als gealterte Schriftstellerin, die sich weder von dem Haus noch von ihrem Leben trennen will. Lange hat man die Schauspielerin nicht so überzeugend und einfühlsam auf der Leinwand gesehen. Und Schlöndorff gibt zu, schon der grosse Erfolg, den er damals mit der «Blechtrommel» gehabt habe, sei eng mit der Besetzung des Films verbunden gewesen.

1980 erhielt er zusätzlich zur Palme in Cannes den Oscar als bester nicht englischsprachiger Film. Die Auszeichnung besiegelte den Durchbruch für Schlöndorff, der anschliessend auch in Amerika drehte, unter anderem mit Dustin Hoffman und John Malkovich in «Tod eines Handlungsreisenden» (1985) nach dem Theaterstück von Arthur Miller.
Der Unterschied zur LiteraturSeine Karriere hatte Schlöndorff in Frankreich begonnen, dort entdeckte er auch seine Liebe zum Film. Sein Handwerk lernte er direkt bei Louis Malle, Alain Resnais, Jean-Pierre Melville und anderen Regisseuren der Nouvelle Vague, für die er in den 1960er Jahren als Regieassistent tätig war. Doch die amerikanische Filmkultur in der Tradition von Fritz Lang oder Billy Wilder habe ihn noch wesentlicher geprägt, erinnert er sich. Den Filmemachern, die vor den Nazis fliehen mussten, fühlte er sich noch enger verbunden. Aber die deutsche Geschichte, nun ja, das sei nun einmal sein Sujet.
Ob er damit am kommenden Samstag noch einmal das Publikum in Cannes begeistern kann? Schlöndorff wünscht es sich natürlich, auch wenn er die Bestätigung längst nicht mehr braucht. Nur bei der Überlegung, was das Kino kann, das der Literatur abgeht, kommt er zum Schluss doch noch einmal ins Grübeln. «Darüber habe ich auch oft mit Max Frisch gestritten», sagt er.
«Ich glaube, Literatur kann viel mehr. Zum einen ist lesen oder sich mit Literatur beschäftigen ein Langzeitprojekt. Ein Film dagegen wirkt eher wie ein Musikstück. In zwei Stunden ist alles vorbei, und die wenigsten Leute gehen heute zwei- oder dreimal ins Kino, weil sie meinen, sie hätten bereits alles gesehen, alles verstanden», sagt der Regisseur. Um ein Plädoyer zu halten: «Aber was Kino macht, diese Verquickung von Bildern, von Menschen, Lebensgeschichten und Musik zu so einer Dichte, dass man mit allen Sinnen darein eintaucht, bleibt nach wie vor einzigartig. Deshalb: Film ist und bleibt meine Leidenschaft.»
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