Künstliche Intelligenz ist eine Bedrohung für die Kunst? Dieser junge Filmemacher tritt den Gegenbeweis an

Damien Hauser hat mit seinem KI-unterstützten Science-Fiction-Märchen «Memory of Princess Mumbi» den ungewöhnlichsten Schweizer Film seit langem gedreht.

Wie wird die Welt am Ende dieses Jahrhunderts aussehen? Vieles ist wahrscheinlich zerstört, vergessen, verlorengegangen, anderes hat sich mittels heute nur zu erahnender digitaler Technologien transformiert. Sicher aber werden die Menschen – gesetzt, es gibt sie überhaupt noch – weiterhin träumen, lieben, Schmerz empfinden, Geschichten erzählen – und Filme drehen. Am besten solche wie «Memory of Princess Mumbi».
NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.
Bitte passen Sie die Einstellungen an.
Was der Regisseur Damien Hauser in seiner Low-Budget-Produktion so klug wie empathisch kombiniert, ist im Schweizer Kino bis jetzt ungesehen. Der Zürcher mit kenyanischen Wurzeln legt ein Science-Fiction-Märchen vor über das Bewahren von Erinnerung, den Unterschied zwischen Realität und Spiel und den Prozess des Filmemachens überhaupt.
Die Kunst, originelle Filme zu drehenDie Handlung ist nur auf den ersten Blick leicht verwirrend, weil verschachtelt, im Kern berührt sie existenzielle Themen: Zunächst hat ein nur nebenbei erwähnter Krieg um den Nutzen von Technologie die Menschen nicht befreit; nach wie vor sind sie abgestumpft von KI-generierten Bildern und Erzählungen. Im Jahr 2093 treffen der ernste, unsichere Kuve (Abraham Joseph) und sein Kumpel Damian in Umata ein, eine retrofuturistische Siedlung in einem afrikanischen Königreich, irgendwo zwischen «Avatar» und dem Ewok-Dorf aus «Star Wars».

Die beiden suchen ein drittes Crew-Mitglied für ihre Dokumentation über die Folgen des Krieges. Sie finden es in der jungen Frau Mumbi (Shandra Apondi), die lebensklug, doch von künftiger Tragik überschattet ist. Mumbi sagt schlichte, wahre Weisheiten: «Die Schönheit der Welt liegt in ihrer Unvollkommenheit» oder «Wenn du dich ständig fragst, was die Leute sehen wollen, wirst du Filme machen, die nicht originell sind».
Joseph verliebt sich in Mumbi, und plötzlich verwandelt sich die geplante Doku in ein Musical – und «Memory of Princess Mumbi» selbst in eine Liebesgeschichte, die schliesslich zum tragischen Melodram wird. Denn Mumbi ist bereits einem Prinzen versprochen, der sie an ihrem 21. Geburtstag heiraten soll. So zieht es Joseph und Mumbi nach Nordanien, dem Land, das einst Schweiz hiess.
Mit sieben Jahren hatte der Regisseur Hauser zum ersten Mal eine Kamera in der Hand, Auslöser für «Memory of Princess Mumbi» war der Tod seines jüngeren Bruders und die Beschäftigung mit der Erinnerung an ihn – und ihren Lücken. Die Balance zwischen Berühren und Lachen gelingt seinem vierten Spielfilm, der sich zum Festivalliebling mauserte: Er lief in Venedig und Toronto, am letztjährigen Zurich Film Festival wurde Hauser mit dem Kritikerpreis ausgezeichnet. Genau dort, wo die KI-Schauspielerin Tilly Norwood vorgestellt wurde und viel Entrüstung auslöste.

In der Filmbranche wird der Einsatz von künstlicher Intelligenz in weiten Teilen skeptisch gesehen. Jüngst schlossen die Oscar-Veranstalter nichtmenschliche Schauspieler von der Preisvergabe aus. Doch Damien Hauser nutzt KI als Brandbeschleuniger für die Phantasie. Sonst hätte ein solches Ideenfeuerwerk finanziell nie gezündet werden können. Gedreht hat der 25-Jährige in Kenya, spontan, improvisiert und weitgehend mit Laien. Die Effekte und Szenerien entstanden anschliessend mittels KI in der Postproduktion, was der Film klar ausweist.
Das Ergebnis verweigert sich jeder Zuordnung; behelfsweise lässt sich der Film als Afrofuturismus schubladisieren, jene Stilrichtung, die mit «Black Panther» (2018) im Mainstream angelangte. Eine lose Ästhetik, die Utopie und Entfremdung aus schwarzer Perspektive denkt, Vergangenheit und Zukunft zusammenfliessen lässt.
«Memory of Princess Mumbi» ist bepackt mit Einfällen, doch selbst sein erzählerisches Gewusel reflektiert der Film mit. Am Schluss heisst es: «Filme sind nicht das Leben, sie sind eine Interpretation des Lebens. Und eine gute Interpretation braucht Klarheit.» Eines ist klar: Dieser Film ist unbedingt sehenswert.
«Memory of Princess Mumbi»: im Kino (79 Minuten).
nzz.ch




